Homeland „The Clearing“

Ich bin bei „Homeland“ ein wenig in Verzug geraten und habe es nicht geschafft, einzelne ausführliche Reviews zur Ausnahmeepisode „Q & A“ und zu „A Gettysberg Adress“ zu verfassen, aber nachdem nun „The Clearing“ gelaufen ist, bin ich darüber sogar ein wenig erleichtert. Denn es waren gerade diese letzten drei Folgen in ihrer Gesamtheit, die für mich die aktuelle Staffel in den richtigen Fokus gerückt haben. Hatte ich nach den frühen, zunächst stark auf Carrie konzentrierten Episoden, ein wenig den Bezug zum Charakter Brody verloren, ist es der Serie nun gelungen, mich auch diesem wieder näher zu bringen.

Und wie, muss man dazu sagen. Spätestens nach Brodys offensichtlichen Selbstzweifeln dieser Woche ist der innere Konflikt dieses gebrochenen Mannes wieder zum Zentrum der Serie geworden. Damit hat man wieder einen unheimlich charakterbezogenen Spannungsbogen für das letzte Drittel der Staffel aufgebaut, denn egal was auf rein inhaltlicher Ebene passieren wird, wir sind nun zurück an einem Punkt, wo die eigentliche Frage ist, wie Brody sich zwischen all den verschiedenen Loyalitäten, die ihm zur Verfügung stehen, verhalten wird. Und alle Möglichkeiten die sich ihm präsentieren, sind auf irgendeine Art und Weise eine schlechte Wahl. Zeigt er sich auf Dauer doch loyal gegenüber Roya und Abu Nazir und hilft dem bevorstehenden Terroranschlag, betrügt er nicht nur sein fragiles Bündnis mit Carrie, er hintergeht auch weiterhin seine Familie, unterwandert das Vertrauen seiner Tochter, die gerade ein sehr klares Verständnis für richtig und falsch an den Tag gelegt hat und er betrügt sein Vaterland. Auch wenn ich persönlich nicht viel mit dem Motiv der Vaterlandsliebe anfangen kann, so gehört dies doch untrennbar zu DNA von „Homeland“ und wird innerhalb der Serie als vielschichtiger Motivator eingesetzt: Als reiner, unbefleckter Stolz und Identifikationsgrund, aber auch als vorgeschobener, um Menschen zu manipulieren und diesen ein schlechtes Gewissen einzureden. Da all diese Aspekte vertreten sind, ist der Patriotismus der Charaktere in „Homeland“, wenn er denn aus reinen Motiven entsteht so mächtig.

Wird sich Brody am Ende für den Weg entscheiden, der CIA bis zur letzten Konsequenz zu helfen und damit sein Bündnis mit Abu Nazir zu verraten, bedeutet dies aber auch die Unterstützung des Heuchlers David Walden, es bedeutet weitere Lügen und faule Kompromisse seiner Familie gegenüber und wahrscheinlich auch die Straffreiheit für all die Dinge, die er bereits getan hat. Und Brody hat in letzter Zeit auch immer mehr gezeigt, dass er sich dessen bewusst ist und was ihn wirklich aus der Fassung bringt ist die Tatsache, dass er selbst als guter Mensch unrettbar verloren ist. Man hat hier wieder einmal eindrucksvoll an all die Dinge, die ihm angetan worden erinnert, ob von seinen Peinigern im Irak, oder auch von seinen Mitmenschen nach seiner Rückkehr. Das rechtfertigt natürlich auf rein intellektueller Ebene nicht seine Taten, aber es macht aus ihm einen komplexen und komplizierten Charakter, mit dem wir endlich wieder mitfühlen und mitleiden können.

Noch komplizierter wird dies alles durch seine verworrene Beziehung zu Carrie. Die Momente, in denen Damian Lewis und Claire Danes in diesen letzten drei Folgen zusammen vor der Kamera standen, waren wieder einmal die absoluten Highlights, und das Verlangen und die gleichzeitig Verwirrung zwischen ihnen, als sie sich letztendlich wieder küssen war ein großartiger Augenblick. Ich mag daran besonders, dass es für mich zumindest einer der ehrlichsten Momente zwischen diesen beiden Menschen, die so viel lügen müssen war. Die Ehrlichkeit beruhte aber eben darin, dass sie beide nicht wissen, was sie davon halten sollen. Natürlich war Carries Job dort vor Ort, Brody ein Gefühl von Sicherheit zu geben und durch ihre intime Nähe ist es ihr auch gelungen. Und Brody weiß dies, dennoch bleiben all ihre Gefühle füreinander real. Nicht erklärbar und nicht begreifbar, aber eben real, wenn nicht sogar das realste was beide momentan zur Verfügung haben. Ich kann es nur immer wieder sagen, Carrie und Brody sind ein Serienpaar für die Ewigkeit in all ihrer Faszination.

Auch der Subplot um Danas und Finns Unfallflucht wird nun mit der Haupthandlung zusammengeführt und auch wenn ich diesen nicht unbedingt als die Sternstunde der Serie bezeichnen würde, hatte ich doch auch bis dato nie so große Probleme damit wie einige US-Kritiker. Ich hatte eigentlich immer Vertrauen darin, dass man die Sache am Ende gut in Brodys Seite der Dinge einbeziehen wird und indem man nun Danas moralisches Bewusstsein nutzt, um Brody vor ein weiteres Dilemma zu stellen, hat man meiner Meinung nach den maximalen Effekt erzielt. Brodys Bedürfnis seiner Tochter ein guter und aufrechter Vater zu sein ist das stärkste Motiv für ihn und das er Dana nun enttäuschen muss, obwohl er ihr so gerne helfen möchte ist ein großartiges Dilemma für Drama innerhalb einer Serie. Außerdem hat man Finn einen denkwürdigen letzten Auftritt gegeben, denn seine Worte zum Abschied an Dana hinterlassen einen tiefen Eindruck, sowohl bei ihr als auch beim Zuschauer und sie lassen ihn noch einmal in einem anderen Licht erscheinen.

Ein weiteres absolutes Highlight war das Wiedersehen von Aileen und der damit gewonnene Einblick in Sauls Seelenzustand. Wie bereits in „The Weekend“ ergeben diese beiden Charaktere ein gutes Gespann ab und sowohl durch die Erinnerung an deren damaligen Road-Trip, als auch die jetzige Situation, beschäftigen wir uns zum ersten Mal seit langem wieder mit Saul, unabhängig von dessen Verhältnis zu Carrie. Und Mandy Patinkin zieht uns mit aller Wucht in seinen Bann, bis hin zur Kulmination neben der sterbenden Aileen. Man kann eigentlich nicht viel mehr dazu sagen, als Hut ab!

So richtig beeindruckend bin ich aber wieder einmal von den vielen Zwischentönen, die die Serie hervorbringt. Hier wird die ausweglose Lage einer Frau wie Aileen, die völlige Machtlosigkeit von Brody zwischen Waldens Kampagnenapparat, Abu Nazirs Terrorzelle und Carries CIA mit der Resignation von Finn Walden und dem leider nutzlosen Aufbegehren von Dana gegenübergestellt. All diese Figuren sind gefangen in einem derart komplizierten Geflecht aus Macht und Korruption, dass ihnen fasst keine wahre Möglichkeit auf eigene, autonome Entscheidungen über ihr Schicksal zur Verfügung stehen. Es bleibt ihnen nur der Weg, das Maß der Erträglichkeit abzustecken und vielleicht aus dem Käfig zu fliehen. Gelungen ist dies nur Aileen und das auch nur, weil sie nichts mehr zu verlieren hat.

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