Homeland „State of Independence“

Zwiegespalten, ist das erst was mir nach der dritten Episode der neuen Staffel von „Homeland“ als Fazit einfällt. Während man in einer Storyline wirklich alles richtig macht und ein Lehrstück guter und vor allem charakterbasierter Dramaturgie abliefert, ist der andere große Handlungsstrang leider das ganze Gegenteil. Da mag zwar die Idee stimmen, es war sicher ein interessanter Ansatz, den man bei den Figuren erreichen wollte, aber die Ausführung ist leider schlampig und zieht damit auch die darin enthaltenen guten und wichtigen Momente mit in die Tiefe.

Und wieder ist es der Handlungsstrang rund um Brody, der mir hier Probleme bereitet. Es deutet sich immer mehr an, dass in diesem Teil der Geschichte doch einiges im Argen liegt. Dabei habe ich gar nicht mal so sehr das Gefühl, dass es eine falsche Entscheidung war, ihn am Ende der 1. Staffel am Leben und damit weiter im Seriengefüge zu belassen. Ich habe auch die Hoffnung nicht aufgegeben, dass die große Rahmenhandlung für ihn im Laufe der Staffel noch eine gute werden kann, aber es beschleicht mich immer mehr das Gefühl, dass man momentan bei ihm etwas Zeit tot treten muss und dafür leider immer recht simple und vor allem konstruierte Varianten wählt. Hier hat es für mich schon damit angefangen, dass es einfach ein unheimlich schlechte Idee ist, ihn persönlich nach Gettysberg zu schicken, um den Schneider/Bombenbauer für die Organisation (ich nenne Abu Nazirs Netzwerk jetzt der Einfachheit halber mal so) in Gewahrsam zu nehmen. Denn sollte er mit diesem gemeinsam aufgegriffen werden, wäre seine Zusammenarbeit mit der Organisation sofort aufgeflogen. Er könnte sich da niemals rausreden und allein diese Gefahr sollte eigentlich um jeden Preis umgangen werden. Dazu kommt, dass Roya wieder einmal wie eine simple Drehbuchvorleserin aus dem Hintergrund agiert. Dies ist bisher mein Hauptproblem auf lange Sicht in Brodys Geschichte, dass Roya aus dem Nichts auftaucht, ihm die Aufgabe der Woche verliest und dann wieder verschwindet. Es ist einfach viel zu simpel, wie diese Bedrohungen dadurch aufgebaut werden und es ist dazu noch eines der ältesten Tricks der Drehbuchgilde, die durchaus ein Zeichen von Einfallslosigkeit darstellt. Das erinnert doch schon ein wenig an die alten „Mission Impossible“-Folgen, in denen einfach ein Computer mit der Mission der Woche aufgetaucht ist, ohne in irgendeinem Zusammenhang zum Rest des Geschehens zu stehen und sich dann auch noch schnell selbst zerstört hat. Über solch billige Methoden sollte „Homeland“ eigentlich erhaben sein.

Diese viel zu einfache Ausgangslage hat es dann schwer gemacht, innerhalb des weiteren Geschehens wirklich richtig involviert zu bleiben. Dazu kommt, dass dieses dann von einer Aneinanderreihung von Zufällen geprägt war, erst der Platten und dann noch die Tierfalle, in die der Schneider hineinfällt (oder war es ein eigenes Messer?). Jeder Zufall für sich betrachtet wäre sicher kein Problem gewesen (zumal unter plausibleren Voraussetzungen der gesamten Fahrt), die Häufung hat dann mich aber wirklich sehr gestört. Es hat sich dann nur noch angefühlt, als wolle man Brody um jeden Preis zum absoluten Extrem, dem Mord seines Schützlings mit bloßen Händen, treiben. Die Idee als solche, ist ja gar nicht schlecht, aber die Umsetzung hat für mich leider so gar nicht funktioniert. Auch die Konstellation, dass der Schneider immer wieder mit sich ringt, ob er Brody nun überfallen soll oder nicht, während Brody dies absolut nicht wahrnimmt, war leider zu repetierend. Dabei hätte man aus dem Aufeinandertreffen dieser beiden „Terroristen“ auf charakterlicher Ebene durchaus etwas machen können, man hat aber die charakterliche Erforschung der Motive der beiden Männer schnell aufgegeben und auf billige Spannung und eben auch auf Schockeffekte gesetzt.

Besonders schade finde ich dabei, dass dadurch auch der Teil der Geschichte in Mitleidenschaft gezogen wurde, der sich mit Jessica befasst. Denn Morena Baccarin hat hier eine Glanzleistung abgeliefert und ich war sehr froh, dass man sowohl am Anfang als auch am Ende endlich einmal richtige Einblicke in den momentanen Zustand der Brody-Ehe erhalten hat. Die Krönung war dabei natürlich aber ihre Rede auf der Spendengala, die sich sehr gut mit Brodys Entwurf für diesen Anlass ergänzte. Das hat man durchaus auch dramaturgisch sehr gut aufgebaut, dabei hätte ich es aber wirklich besser gefunden, wäre Brody eben nur durch etwas Harmloses aufgehalten wurden. So wurde die Konfrontation der Eheleute am Ende derart durch die Monströsität seiner Tat überfrachtet, dass dagegen das drohende Auseinanderbrechen der Ehe wie eine Bagatelle wirkt.

Alles richtig gemacht hat man dagegen rund um Carries Entwicklungen in dieser Episode. Es hat sich auch ausgezahlt, dass man ihr bis ganz zum Ende die große Erkenntnis um Brody durch Saul vorenthalten hat, da man diese bewusste Entscheidung dann auch in der Ausführung mit Fingerspitzengefühl umsetzte. Ich hatte kurz die Befürchtung, dass durch Sauls Durchsuchung am Flughafen das Beweisvideo gleich nach seiner Entdeckung wieder verloren geht, aber das war zum Glück eine Finte. Wie man es hier aber Schritt für Schritt zeigt, wie sehr Carrie der Boden unter den Füßen weggezogen wird, wie wenig sie damit fertig wird, kurz wieder für die CIA arbeiten zu können und dann doch wieder ohne richtigen Sinn im Leben dasteht, war beeindruckend. Ihre Verzweiflung hat sich allmählich aufgebaut, war immer in ihrem Wesen begründet und jeder Moment ihres Verhaltens hat absoluten Sinn ergeben. Und es war an keiner Stelle irgendein dummer Zufall nötig, um sie bis zum Selbstmordgedanken zu treiben. Man hat  nicht mal der Versuchung nachgegeben, Saul eine bewusstlose Carrie in letzter Sekunde retten zu lassen und ihr dann mit Triumphgeheul die gute Nachricht zu zeigen. Nein, man hat dieses Drama ganz behutsam und organisch ausspielen lassen, es hat sich alles zwischen Carrie und dem Zuschauer abgespielt und dass sie sich selbst ohne fremde Hilfe doch fürs Leben entscheidet war für mich fast noch ein größerer Triumph, als ihre Gewissheit über Brody, die sie am Ende endlich erlangen durfte. Die war natürlich der wahre Höhepunkt dieser Episode und für Carrie so wohlverdient, dass nicht nur ihr ein die Ereleichterung ins Gesicht geschrieben stand. Für sich betrachtet war dieser Dramaturgieaufbau regelrecht perfekt, mit dem perfekten Kulminationspunkt. Deshalb ärgert es mich wohl auch so sehr, dass er gleichzeitig zur verpfuschten Brody-Geschichte ablief.

  • Eins muss man der Episode aber lassen, ein paar nette Parallelen wurden eingebunden. So hat es natürlich einen besonders makaberen Anstrich, dass Carrie und Brody gleichzeitig einen derart misslungen Tag haben, der nur immer schlimmer und schlimmer wird. Und das Wiederauftauchen der Ausgehroutine von Carrie, die wir zuletzt im Piloten gesehen haben, mit einem ähnlichen Outfit, dem (falschen) Ehering und allem was dazugehört. Nur gelingt ihr hier nicht die Ablenkung von ihren inneren Problemen.
  • Es sagt einiges über die Beziehung von Carrie zu Saul aus, dass sie ihm zwar weitestgehend reinen Wein einschenkt über ihre Verzweiflung nach dem Beirut-Trip, aber das wahre Ausmaß mitsamt dem Selbstmordversuch vor ihm verbirgt.
  • Saul plant also als nächstes das Video David Estes zu zeigen. Ich habe keine Ahnung, ob bis dahin noch etwas schief geht oder ob Estes ihm entweder nicht glaubt oder es aus Opportunismus unter den Teppich kehrt, aber ich hoffe auf eine „Homeland“-Lösung dieses Dilemmas, die nicht völlig an den Haaren herbeigezogen ist.

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