Homeland „Beirut is Back“

An der Oberfläche ist „Homeland“ ein klassischer Spionagethriller, gerade in dieser Episode mit all der Action und den Suspense-Momenten zum Nägelkauen wird dies wieder einmal sehr offensichtlich. Unter dieser recht gut greifbaren Oberfläche schlummert aber so viel mehr, und auch wenn diese zweite Folge der neuen Staffel nicht ganz so viel davon zu bieten hatte wie Beispielsweise die Staffel 1 Highlights „The Weekend“ und „Marine One“, sind es doch diese bewegenden Charaktermomente, die das Herz der Serie ausmachen und den Zuschauer in einer Art an sie binden, die über das bloße Cliffhanger-Auflösen und Wissen wollen, wie es weitergeht, hinausgeht.Als Carrie ihrem Mentor und Freund Saul von ihrem inneren Dilemma in Bezug auf ihren Irrtum über Brody berichtet, dann geht dies einem dank Claire Danes grandiosem Schauspiel, aber auch der sehr ausgeklügelten komplizierten Vorgeschichte zwischen Carrie und Brody (für die allein die Drehbücher im bisherigen Verlauf verantwortlich sind), unheimlich nahe. Die recht allgemeine bedrohliche Situation eines potentiellen Terrorangriffs auf die westliche Welt nimmt durch Carries Schicksal und ihre Selbstzweifel eine unheimlich persönliche Ebene an und man wünscht sich so sehr, dass sie selbst erfährt, dass sie damals eben Recht hatte. Dieses Spiel mit unseren Emotionen auf solch elementarer Ebene, ist das Besondere an „Homeland“.

Das heißt natürlich nicht, dass die vordergründige Handlung unwichtig wäre. Ganz im Gegenteil, denn auch hier passiert wieder unheimlich viel und mit dem großen Knalleffekt am Ende der Folge sollte sich die Entwicklung der Staffel noch einmal um einige Schritte nach Vorne bewegen und diese sich durchaus auch noch was die Richtung angeht ein paar Mal im Kreis drehen. Die große Frage ist jetzt, was Saul mit der neu gewonnen Erkenntnis, dass Brody eben doch ein Terrorist ist und Carries Intuition sie nicht im Stich gelassen hatte, anfangen wird. Dass er mit der Information gleich an seine Vorgesetzten tritt, halte ich zum jetzigen Zeitpunkt für eher unwahrscheinlich. Dennoch ist und bleibt es eine absoluter Wendepunkt für die Serie, denn nicht nur weiß das Publikum um Brodys Geheimleben, nun ist auch einer der beiden zentralen Charaktere seiner Gegenseite eingeweiht und früher oder später muss es dafür Konsequenzen geben.

Auch Brodys Seite des Arrangements mit Abu Nazir bleibt kompliziert. Letzte Woche konnte ich mich (und damit war ich nicht allein) nicht sonderlich mit dem Plot rund um die GPS-Ziele aus Estes Safe anfreunden. Ich bin mir zwar sicher, dass diese Informationen sicher noch eine Rolle spielen werden und dieses Intermezzo nicht nur zur Füllung dieser einen Folge diente, aber dennoch war es ein recht an den Haaren herbeigezogenes Szenario und dazu noch eines, was uns nicht viel über Brodys Gemütszustand verraten hat. Da ist es hier schon interessanter zu beobachten, dass er Abu Nazirs Tod nicht einfach zusehen möchte (der für ihn ja auch zumindest auf den ersten Blick den potentiellen Ausstieg bedeuten könnte), sondern ihn mit hohem eigenem Risiko warnt. Und auch wenn ich es ein wenig konstruiert empfand, dass Brody überhaupt in diesem Raum gesessen hatte und so diese unbezahlbare Gelegenheit bekam, muss man sich nun im Nachgang tiefer mit Brodys Motiven, die eben auf seinen Loyalitäten beruhen, auseinandersetzen. Ich denke es wäre für die Serie langsam an der Zeit, ein wenig mehr ins Detail seines Glaubenssystems zu blicken. Ich möchte natürlich jetzt keine absolute Klarheit verlangen, aber wo er sich selbst in diesem ganzen Gefüge aus Politik und seiner Verbindung zu Abu Nazir sieht, würde mich doch mittlerweile sehr interessieren. Wie viel seiner Loyalität ist echt, wie viel ist reiner Selbsterhaltungstrieb und wie weit kann er sein eigenes Handeln von seinen Worten und Taten trennen? Denn wir wissen, dass er nicht ohne Gewissen und auch nicht ohne ein Gefühl für Moral ist, wir haben aber keine Ahnung, was für ihn der Begriff Moral bedeutet. Dies sind Dinge, die die 2. Staffel hoffentlich tiefer beleuchtet und wenn man demnächst davon einen ersten Schritt andeuten würde, wäre das sicher keine schlechte Idee. Ideal wäre natürlich eine direkte Konfrontation zwischen Brody und Carrie, nun wo sich die Machtverhältnisse zwischen ihnen endlich wieder gedreht haben.

Für Carrie war dieser Trip nach Beirut aber ebenfalls eine ziemliche Berg und Talfahrt. Dabei ist es der Serie unheimlich gut gelungen, die richtige Balance zwischen der genialen Agentin Carrie Mathison (im Gespräch mit ihrer Informantin und auch im Dialog mit Saul) und der wandelnden Zeitbombe zu finden. Denn zwar war es Carries Durchsuchung der Wohnung zu verdanken, dass Saul am Ende die Wahrheit über Brody weiß, aber das macht ihr Handeln nicht weniger irrational und schlichtweg kreuzgefährlich. An der daraus resultierenden Verfolgungsjagd und dem Entdecken der Dokumente (bzw. des Videos, die Dokumente sind ja eher zweitrangig) gibt es sicher einige Logik- und Inszenierungslöcher zu stopfen, so ist es doch ein arg großer Zufall, dass sich das Video ausgerechnet in der zufällig geschnappten Tasche befindet und auch die Natur von Carries Verfolgern, die dort erst das Auto und dann Carrie selber bedrohen ist für meine Begriffe zu anonym gehalten und sie erhalten zu wenig Daseinsberechtigung, aber dennoch dient Carries Handeln hier so enorm ihrer Charakterisierung und es stellt einen derart krassen Gegensatz zur gespenstigen Ruhe ihres Hauses am Ende der Episode her, dass ich mich nicht wirklich ernsthaft beschweren will.

  • Mikes Part hier, der so ein wenig den Zweifler an der ganzen Geschichte rund um Walker präsentiert und damit ein weiteres Problem für Brody darstellt, wirkt momentan noch etwas deplaziert. Einerseits finde ich es eine ganz gute Idee, Brodys alte Marineeinheit weiterhin präsent zu haben, andererseits passt diese aktive Zweiflerrolle so gar nicht zu Mike.
  • Diese kleinen Momente zwischen Dana und ihrem Vater sind einfach immer wieder unheimlich intensiv, auch wenn sie wir hier nur über scheinbar belanglose Dinge reden.

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