Homeland „The Smile“

Ich habe letztes Jahr um diese Zeit lange das Spiel des Zweifelns mitbetrieben und bei all den guten Dingen, die uns „Homeland“ präsentiert hat, immer auch mit darauf gewartet, dass irgendwann mal das Scheitern kommen muss. Dass diese Serie, mit diesem Thema, gerade aus den USA, auf diesem für notorische Veränderungspanik bekanntem Sender und dem rasanten Erzähltempo, doch eher früher als später über die eigenen Füße stolpern muss und sich an der eigenen Story überheben. Und nun, zum Beginn der zweiten Staffel, direkt nachdem man sage und schreibe sechs Emmys abgeräumt hat, könnte man wieder damit anfangen. Aber ich habe keine Lust mehr dazu und beschließe, einfach die dargebotene Unterhaltung zu genießen. Denn auch mit dem Auftakt der neuen Season hat „Homeland“ bewiesen, dass es unser Vertrauen als kritischer Zuschauer verdient hat.

Das soll nicht heißen, dass ich alles in „The Smile“ perfekt umgesetzt fand, ich habe durchaus den ein oder anderen Kritikpunkt, aber in seinem Kern bleibt „Homeland“ wie in Staffel eins eine unheimlich starke Serie, mit atemberaubender Handlung und vor allem komplexen und tiefgründigen, bewegenden Charaktermomenten, die das Rückrat des Konstrukts bilden.

Sechs Monate nach den Ereignissen von „Marine One“ sind unsere beiden Protagonisten Carrie und Brody an vollkommen neuen Positionen in ihrem Leben angekommen, aber die alten Narben konnten sie natürlich nicht so einfach ablegen. Und wie es im Leben nun einmal so ist, haben nicht nur sie selbst mit ihren verborgenen Dämonen zu kämpfen, auch die Menschen in ihrem Umfeld sind unmittelbar davon betroffen.

Widmen wir uns zuerst Carrie, die im Vergleich zu Brody ihre Kämpfe an der Oberfläche ausficht, sie hat keine Geheimnisse vor ihrer Schwester Maggie und ihrem Vater Frank, das bedeutet aber nicht, dass sie nicht dennoch mit dem wahren Kern ihrer Sorgen im Grunde genommen allein ist. Denn auch wenn sie dank anscheinend erfolgreicher Behandlung und strikter Therapie (samt genauer Organisation im täglichen Klein-Klein) auf dem Wege der Besserung, zumindest in Bezug auf ihren mentalen Zustand ist, kann sie ihre tiefe Verbindung zur Arbeit der CIA, die sie doch so tief zerstört hat, nicht so einfach ablegen. Es ist natürlich auch klar, dass die Serie Carrie irgendwann wieder in der CIA braucht, aber es gelingt auch unheimlich gut, uns zu zeigen, dass Carrie einfach nicht ohne kann. Spätestens beim titelgebenden Lächeln am Ende der Episode wird dies glasklar, der Weg dorthin zeigt aber auch immer wieder, wie viel Überwindung es Carrie und ihren Stolz kostet, sich wieder darauf einzulassen.

Die Mittel, sie von offizieller Seite überhaupt wieder in Betracht zu ziehen, über eine alte Informantin, die nur mit ihr sprechen will, finde ich eine gelungene Idee. Es ist nicht zu kompliziert und dadurch glaubwürdig, schwieriger wird es dagegen schon, das fiktive Bedrohungsszenario innerhalb der Serie zwischen Israel und Iran von dem realen auseinanderzuhalten. Da bin ich mir nach dieser einen Episode noch nicht ganz im Klaren, wie die Lage nun wirklich aussieht und wie nun genau der Libanon darin verknüpft ist, aber ich bin mir sicher, dass wird sich mit der Zeit zeigen.

Brody hingegen geht ganz in seiner politischen Karriere auf, die er eben auch dazu nutzt, für Abu Nazir Einfluss und Informationen zu gewinnen. Anscheinend ist er soweit mit sich im Reinen, dass er versucht von konkreten Taten in Richtung Terrorismus (gerade wenn es um die Bedrohung von Zivilisten geht) Abstand zu halten, aber hier wird er mit genau einer solchen konfrontiert. Am Ende stiehlt Brody trotz seiner Zweifel die Codes aus David Estes Safe, um die Abu Nazir ihn durch seine Mittelsfrau gebeten hat. Genau an dieser Stelle hatte ich auch die größten Probleme mit der Episode, denn irgendwie kann ich mich mit dieser Handlung, die so ein wenig wie ein Loyalitätsbeweis Brodys wirkt, nicht anfreunden. Wir werden sehen, was daraus gemacht wird, und ob vielleicht Brodys Loyalität zu Abu Nazir aufgrund dessen Ruchlosigkeit und eben der Gefährdung von unschuldigen Zivilisten irgendwann ins Wanken gerät. Denn gerade die in dieser Episode wieder zur Sprache gekommene tiefe Religiosität Brodys, die bei immer so rein und edel wirkt, bringt vielleicht gerade einen Widerspruch zu Tage, der ja zwischen dem wahren Glauben und dem Extremismus eines Abu Nazir besteht.

Brodys tiefer Respekt vor dem Koran dient hier sehr schön dazu, einerseits die bestehende Kluft zu Jessica zu untermauern, andererseits die Verbindung zu Dana weiterhin zu vertiefen. Jessica erfüllt in Brodys Leben eine ähnliche Rolle wie Maggie in Carries. Sie ist die Person, die die Familie zusammenhält und sich um alles kümmert, sie ist die Stimme der Vernunft, manchmal auch aus ganz pragmatischen und wenig schmeichelhaften Gründen, aber ihr fehlt die innere Unruhe, dieser dauernde Zweifel am normalen Leben, der sowohl Brody als auch Carrie so sehr prägt und antreibt. Sie wird ebenso wie Maggie nie wirklich in der Lage sein, die ihr nahestehende Person ganz zu verstehen und deshalb immer etwas außen vor bleiben. Dabei schafft es „Homeland“ sehr gut, sie beide zu humanisieren und nicht nur wie die Spaßverderber dastehen zu lassen. Besonders als Brody nicht in der Lage ist, seinen Glauben irgendwie Jessica gegenüber zu rechtfertigen, ganz zu schweigen davon, seine Lügen zu erklären, kann man es ihr nicht verübeln, dass sie tief verletzt ist.

Dana fällt es da leichter, ihren Vater als Muslim zu akzeptieren. Warum auch nicht, denn der Glauben ist per se ja nichts Negatives, aber im Gegensatz zu Jessica hat Dana keine wirkliche Erinnerung an Brody vor seiner Gefangenschaft und sie empfindet sein Konvertieren zum Islam nicht als Betrug. Dennoch bin ich mir sicher, sind an Dana die Ereignisse aus „Marine One“ nicht spurlos vorbeigegangen. Ganz tief in sich drinnen, wird sie wissen, was bei ihrem so wichtigen Telefonat vorgefallen ist. Und auch aufgrund dieses Wissens verbindet sie mit ihrem Vater eine besondere Bande. Diese Verbindung stellt aber eine ebenso tickende Zeitbombe wie Carries Gesundheitszustand, die fragile Situation zwischen den USA und dem Mittleren Osten und die Pläne von Abu Nazir da. All dies bietet eine exzellente Ausgangslage für diese zweite Staffel, auf die ich mich nach dieser Episode noch mehr freue, als bisher. Es ist also ein gelungener Auftakt geglückt, der „Homeland“ in alter Stärke zurück in die TV-Landschaft bringt.

Ein paar weitere Anmerkungen:

  • Ich hab im Fließtext noch gar nichts über Saul angemerkt, aber Mandy Patinkin ist wie immer einfach nur eine Wonne. Ich habe besonders seine Verfolgungsjagd in bester Spionagethriller-Manier genossen, die mit einem Mann wie ihm als Agenten einfach nur Klasse hat. Auch die Tatsache, dass man in Israel die Außenaufnahmen gedreht hat, und also nicht irgendwo in einem Studio, sorgt für die nötige Authentizität.
  • Die Szene an Danas Schule weiß ich momentan noch nicht so recht einzuschätzen, einerseits kann ich mir genau solche Aussagen aus dem Munde von Teenagern vorstellen (ich möchte da gar nicht mal so sehr darauf pochen, dass es Amerikaner sein müssen, welch himmelschreiende Xenophobie auch in unserer deutschen Gesellschaft tief verwurzelt ist, zeigt ja jede Enthüllung rund um das Geheimdienstversagen in Sachen NSU immer wieder aufs Neue), andererseits hat mir „The Newsroom“ diesen Sommer das einfache Bestätigen meiner Vorurteile gegen Konservative doch etwas vergrätzt. Andererseits hat die Szene es doch ganz gut geschafft, einen mit Fragen und Denkanstößen zu hinterlassen, und nicht einfach nur meine eigenen Sichtweisen bestätigt.
  • Um noch mal auf den oben angesprochenen Punkt zurückzukommen, dass Jessica und Maggie die jeweils „normalen“ Pole ihrer jeweiligen Familien sind. Ich hab mich hier zum ersten Mal gefragt, wie schwer es für Maggie sein muss, sich immer sowohl um Carrie als auch ihren Vater kümmern zu müssen, und dabei immer die nagende Stimme der Vernunft zu sein. Und was ist eigentlich mit dem Vater ihrer Kinder? Ist es Zufall, dass wir ihn noch nie gesehen haben, lebt sie allein mit den Mädchen, dem Vater und jetzt auch Carrie?
  • Die US-Presse stößt sich ein wenig an der Tatsache, das Brody bereits als potentieller Vizepräsidentenkandidat gehandelt wird. Da ich mich so genau in den Wahrscheinlichkeiten der US-Politik auskenne, überlasse ich derartige Zweifel dann auch lieber denen, die das besser einschätzen können.
  • Und zu guter Letzt eine Leseempfehlung, Todd VanDerWerffs Review zu „The Smile“ ist stilistisch und inhaltlich ein Gedicht, ein gutes Beispiel, welch schöne Texte man aufgrund einer guten Folge einer TV-Serie zaubern kann.

2 comments so far

  1. moo talaei (@mootalaei) on

    Schööön, endlich mal wieder ne ausführliche Review von dir zu lesen!🙂

    Hab eigentlich auch nicht sonderlich viel hinzuzufügen, fand die Folge vor allem aus zwischenmenschlicher Perspektive wahnsinnig toll und interessant, die Wiedereinführung von Carrie in die Welt der CIA angenehm simpel und was den Plot angeht, war ich ja schon immer beeindruckt, wie es die Serie immer wieder schafft, das Minenfeld, in dem sie sich thematisch bewegt, gekonnt zu umgehen. Von daher bin ich eigentlich zuversichtlich, dass auch diesmal wieder die richtigen Storyline-Entscheidungen getroffen werden.

    Die Nazir-Tante/Reporterin mit dem affektierten britischen Akzent ist mir momentan noch etwas suspekt, was auch daran liegt, dass ich ihren tollen „Plan“ mit dem Safe etwas arg einfach fand, dafür, dass sie eben für Nazir arbeitet. Kein Wunder, dass Brody bei der ganzen Sache mega-nervös ist. Wobei mich seine Zögerlichkeit schon etwas gewundert hat, weil ich irgendwie in Erinnerung hatte, dass er Nazir mit voller Unterstützung zur Seite stehen wollte. Sollte mir vielleicht die letzten Minuten vom Finale nochmal angucken…

    Dana fand ich (wieder mal) absolut großartig und mochte insbesondere die Szene in der Schule sehr, sehr gerne, weil ich’s echt wahnsinnig wichtig finde, das Thema mal offen und kritisch anzusprechen. Bin nämlich überzeugt, dass 90% aller Probleme, die die westliche Welt mit dem Mittleren Osten (und umgekehrt) hat, fast ausschließlich darauf beruhen, dass die Menschen unfähig sind, sich in den anderen hineinzuversetzen, weil sie schlicht und ergreifend zu wenig über ihre Kultur, Tradition und Religion wissen. Und dann werden halt Araber und Perser, Moslems und Islamisten etc.pp. fröhlich über einen Kamm geschert. Es ist ein heikles Thema, aber ein extrem wichtiges. Daher finde ich es eben auch so großartig, dass es in „Homeland“ bei dem Thema nicht nur Schwarz und Weiß gibt.

    Und die Auswirkungen von Danas Ausrutscher auf Brodys Familie hätten natürlich auch kaum besser inszeniert worden sein. Ich bin echt beeindruckt, wieviel man aus einer eigentlich simplen „wife“-Figur in der Serie immer wieder herausholt. Vielleicht liegts auch an Morena Baccharin, aber die Szene in der Garage? Wahnsinn. Und dann noch das „Begräbnis“ des Korans am Schluss. Toll.

    Über „the smile“ braucht man gar nicht erst zu reden…

  2. Horsebot 3000 on

    Von mir auch noch ein verspätetes „Kommentarchen“, sehr viel mehr lässt sich zu euren treffenden Ausführungen nämlich nicht hinzufügen. Ich fand den S2-Auftakt insgesamt ebenfalls sehr gelungen, vor allem auch, was die „leisen“ bzw. subtilen Charaktermomente anbelangt (Carrie zu Hause, beim Unterrichten oder am Telefon mit Saul). Genau aus diesem Grund schoss mir übrigens beim Lesen von Sepinwalls Review („Great as Danes continues to be, the star of this one for me was Lewis.“) ein dezidiertes „No way!“ durch den Kopf.😉 So genial viele Brody-Szenen auch waren („That’s not supposed to touch the floor!“ + Koran-Begräbnis), die mMn einzigen Storyline-„Schwächen“ sind bislang auf seiner Seite angesiedelt (nicht schauspielerisch, wohlgemerkt). Ich bin nun wahrlich auch kein Experte, was (US-)Politik anbelangt, aber dieses überstürzte VP-Gerede erschien mir im Lichte der ständigen Qualifikationsdebatte doch etwas fragwürdig. Und die Erklärung dafür, wie diese Reporterin nun eigentlich an den Code für Estes persönlichen Safe kam, ist mir auch entgangen.

    Abgesehen davon muss ich mich den Lobeshymnen auf Dana und die gezeigte Leistung von Morena Baccarin anschließen, toll! Das wird am Montag wieder eine schwere Entscheidung, was ich mir aus Vorfreude bzw. Neugier zuerst anschaue, „Homeland“ oder „Treme“.😉


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