Girls „Pilot“

Manchmal ist es schon ein Fluch, wenn man wie ich ständig im Netz unterwegs ist und manchem Vorabhype in gewissen Kreisen einfach nicht entgehen kann. So war die neue HBO-Comedy-Serie „Girls“ bei Twitter und an diversen Stellen in den Tagen vor und auch nach der Premiere so allgegenwärtig, dass man bereits vor dem Schauen ein klein wenig die Nase voll davon hatte. Gepaart mit übergroßen Erwartungen ist es mittlerweile gar nicht so einfach, zu seinen eigenen Gedanken dazu durchzudringen. Ich werde aber dennoch mein Bestes geben, denn die Show an sich hat es wirklich verdient, ihr diese Aufmerksamkeit zu schenken.

Ich kann zwar nach dieser ersten halben Stunde, die wir als Zuschauer im Leben von Hannah (Lena Dunham), Marnie (Allison Williams), Jessa (Jemima Kirk) und Shoshanna (Zosia Mommat) verbracht haben, noch nicht von mir behaupten, dass ich vollkommen überzeugt bin, aber ich kann durchaus sehen, wo all der Wirbel um die Serie her kommt. Denn nach den ersten 10 Minuten, die ich so zum Einstieg erstmal recht unspektakulär fand, hat mich vor allem die zweite Hälfte dieses Piloten überzeugt, denn ich musste durchaus einige Male richtig lachen (eine Seltenheit bei mir bei Comedy-Piloten, zumal die der Kabelsender ja auch oft mehr halbstündige Dramaserien mit Humorsprenklern sind) und die Dynamik zwischen den Mädels begann dann richtig zu wirken. Ab dem Zeitpunkt, als die Party bei Marnie und Hannah so richtig in Gang, sowie das Opium ins Spiel kam und Hannah danach ihren Eltern einen völlig überdrehten Besuch abstattete, hat es für mich irgendwie Klick gemacht und ich war an Bord.

Jetzt kommt es darauf an, dass man sich zukünftig auch mit interessanten und relevanten Themen beschäftigt, so dass „Girls“ eben nicht nur ein amüsanter Blick auf das Mittzwanziger-Leben bleibt, sondern mehr Tiefe bekommt. Diese hat hier definitiv noch gefehlt, ist aber für mich bei einem Piloten, der schließlich erst einmal die Charaktere etablieren sollte, vollkommen in Ordnung. Da hat man hier seine Aufmerksamkeit natürlich zuerst auf Hannah gerichtet, die ich durchaus richtig schön vielfältig und auch schwer einzuschätzen finde. Ich mag es ja, wenn ich mir bei einem TV-Charakter nicht so richtig sicher bin, was ich von ihm halten soll. Hannah fällt da für mich genau in diese Kategorie, sie ist nicht die normale Heldin, dafür verhält sie sich viel zu oberflächlich und eben auch ein bisschen albern. Aber dennoch erweckt sie gewisse Sympathien, eine reizvolle Mischung, die man uns da auftischt. Bei den anderen fehlt noch etwas das Profil, aber das kann ja noch kommen.

Was ich nicht glaube, ist, dass „Girls“ nun als Identifikationspotential für alle Frauen herhalten kann, aber eben auch nicht soll. Das wäre auch ein wenig zu viel erwartet von einem Werk, das von einer 25-jährigen nahezu im Alleingang erschaffen wurde (was einfach einmal eine beachtliche Leistung ist). Dennoch habe ich mich in einigen Punkten, sowohl in Hannah als auch in Marnie durchaus wiedererkannt. Und das waren nicht unbedingt die positiven Eigenschaften, die schmerzlich nah an meinem Wesen lagen.

Ich muss sagen, der treffendste Vergleich für „Girls“ für mich ist der zu „Louie“, es ist ein sehr persönliches, spezifisches Werk einer einzelnen Person, dass sich mit einigem Galgenhumor mit den eigenen Fehlern und Schwächen auseinandersetzt und diese nutzt, um Humor zu produzieren. Ich bin noch nicht soweit, die beiden von der Qualität her auf eine Stufe zu stellen, aber die Serien sind durchaus Schwester und Bruder im Geiste. Unter diesem Aspekt betrachtet bin ich durchaus überzeugt von „Girls“, wenn auch noch nicht restlos begeistert.

Noch ein paar Randnotizen:

  • Ich befürchte, dass ich die Szenen zwischen Hannah und Adam wohl nur mit viel Willenskraft aushalten kann. Nicht das ich diese Dynamik nicht glaube, aber es ist nicht gerade leicht den beiden so zuzuschauen, wie sie diese sehr ungesunde Beziehung führen.
  • Richtig toll fand ich Hannahs Eltern, die haben bei mir für einige Lacher gesorgt und ich mochte es, dass zumindest die Mutter ihre Tochter durchaus richtig einschätzt, dazu kommt natürlich der „Freaks & Geeks“-Bonus für Becky Ann Baker.

3 comments so far

  1. moo talaei (@mootalaei) on

    Hehe, lustig, mir gefiel die Szene mit Adam insgesamt wahrscheinlich echt am besten an der ganzen Sache, auch wenn die ungelenkte Strumpfhosen-Geschichte mir so schien, als hätte man sie sich am Set ausgedacht, damit Dunham sich nicht frontal nackig zeigen muss. Ich mein, wer zieht sich denn bitte so aus? *kopfschüttel* Zur Situation selbst hats aber im Endeffekt eigentlich gepasst, von daher hat’s mich jetzt nicht allzu sehr aus der Szene gebracht.

    Mein „Problem“ mit Girls ist bislang, dass ich mich allein vom Thema her eigentlich ganz genau in der Serie wiederfinden müsste, es aber einfach (noch?) nicht tue. Was prinzipiell ja auch nicht unbedingt sein muss, aber in diesem Fall werd ich halt bei manchen Szenen den Eindruck nicht los, dass das alles einfach viel zu überzogen ist. Ich mein, seriously, wer geht denn bitte während ner Party aufs Klo und schließ die Tür nicht ab? Hannahs selbstvergessene Ignoranz in der Anfangsszene fand ich völlig over-the-top (dafür, dass sie da vermutlich nicht high war) und ihr Boss war mir einfach auch viel zu eindimensional. Die Szene mit den Eltern am Ende fand ich hingegen gut, konnte sie aber auch nicht so richtig genießen, weil mich Peter Scolari permanent irritiert hat, weil er Robert Sean Leonard so unheimlich ähnlich sieht, dass ich echt kurz davor war zu googeln, ob die irgendwie verwandt sind.

    Naja, mal gucken, Potential ist definitiv vorhanden und es war ja auch durchaus unterhaltsam, aber ich mach’s mal wie der Zyniker Fienberg und rechne bei der Serie lieber stets mit dem Schlimmsten.😉

    • tvaddictfromgermany on

      Ich glaub ja, soweit ich die Vorabberichte richtigt interpretiere, werden wir von Dunham durchaus noch einiges an frontaler Nackigkeit sehen, deshalb glaub ich ja eher, dass diese Ungelenkigkeit doch zu Situation gehört hat (und ich könnte mich da durchaus auch so anstellen, von daher).

      @Identifikation
      Was ich so von Dunham in den Interviews gelesen habe, scheint sie schon zu den Leuten gehören, die mit ihren Freundinnen Gespräche auf dem Klo führt, in der Wanne etc. Keine Ahnung, ob es wirklich stimmt, aber auch wenn es mir total fremd ist, hatte ich da nicht das Gefühl es wäre aufgesetzt. Mal abwarten, wie sich das so mit der Zeit ins Bild rückt. Ich seh halt momentan so einige Dinge, in denen ich mich durchaus drinne widerspiegel, wenn auch natürlich lange nicht alles. Das ganze New Yorker Hipster Umfeld hat ja nun mit unserer kleinbürgerlich-deutschen Lebenswirklichkeit wenig zu tun.😉

      @Zyniker Fienberg
      Find das übrigens eine gesunde Einstellung von dem guten Mann, gehe da halt lieber vom optimistischen Standpunkt her ran. Es ist definitiv noch viel zu früh, jetzt aus „Girls“ wer weiß was für eine Erleuchtung für die Frauenserien zu machen, aber ich bin da zuversichtlich, es kommt was unterhaltsames dabei raus.

  2. moo talaei (@mootalaei) on

    Das Gespräch in der Wanne ging ja noch, aber dass Marnie (und dann später auch noch ihr Freund) einfach so ins Bad marschiert, während Jess auf dem Klo sitzt, war mir dann einfach zu viel des Guten. Als ob sie das Gespärch nicht auch irgendwo anders hätten führen können. Aber gut, vielleicht sollte das ja auch verdeutlichen, wie klein die Wohnung ist, who knows…

    @NY-Hipster-Umfeld:
    Für mich war das ja eigentlich einer der Haupt-Einschaltgründe, weil ich Brooklyn (als Stadtteil und Szene) sehr gerne mag. Daher hoffe ich, dass wir da in Zukunft noch mehr davon zu sehen bekommen und sich nicht gefühlt die Hälfte aller Szenen in irgendeinem Badezimmer abspielen.😉


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