Fazit: Justified – Staffel 3

„Justified“ hatte es mit der 3. Staffel nicht leicht, gegen den eigenen mächtig langen Schatten anzukommen. Es ist zwar nicht ungewöhnlich, dass eine Serie gerade in der 2. Staffel einen beachtlichen Qualitätssprung vorlegt, eben wie es bei „Justified“ der Fall war, aber es ist genauso normal, dass es danach dann auch wieder bergab geht. Soweit würde ich in diesem Fall nicht gehen, denn vor allem die Selbstreflektion von Serienmacher Graham Yost zu dem, was eben in Staffel 2 überragend war und was man in Staffel 3 anders machte, um sich nicht zu wiederholen, zeigt, dass er sich dieser Dinge durchaus bewusst ist. Aber dennoch bleibt die letzte Woche beendete Season hinter ihrem Vorgänger zurück.

Aber auch wenn man die selbst gesteckten Ziele nicht ganz erreichen kann, hat „Justified“ dennoch genügend Stärken zu bieten, dass man immer noch eine sehr gute und vor allem unterhaltsame Staffel ablieferte. Dabei besinnt man sich auf alte Stärken, den tollen Cast rund um Timothy Olyphant, Walton Goggins, Joelle Carter und Nick Searcy und auch die vielen Gast- und Nebendarsteller bleiben weiterhin von exquisiter Qualität. Dazu kommt der genial von der Vorlage (die von Autor Elmor Leonard stammt) adaptierte Sprachstil, der immer wieder köstliche Dialoge liefert und Momente, die einem tief im Gedächtnis bleiben. Auch die optische Arbeit der Serie (wenn man mal von den grauenhaften Autofahr-Greenscreen-Momenten absieht) liefert wunderschöne Bilder, so dass es einfach Spaß macht „Justified“ zu verfolgen. Um aber zu den genialen Serien im aktuellen Geschäft zu gehören, reicht das einfach nicht mehr aus. Da gehört einfach mehr Tiefe und mehr gesellschaftliche oder persönlich-menschliche Relevanz dazu, und das hat für mich in dieser Staffel weitestgehend gefehlt. Der Schwerpunkt lag diesmal einfach darauf mehr Gegner, mehr geniale Schauspieler und auch einfach mehr Handlungsverwirrung zu produzieren, um den Ball am Rollen zu halten. Für meine Begriffe ist dabei die tiefe Charakterarbeit, zu der man ohne Frage in der Lage ist, auf der Strecke geblieben.

Ich will hier eigentlich nicht immer auf den leidigen Vergleich zur Vorgängerstaffel zurückkommen, aber es ist bietet sich einfach an, über die Stärken der 2. Staffel die Probleme der 3. zu erklären. Für mich hat man damals mit der Verwebung der Bennett-Familie ins Geschehen nahezu einen Geniestreich geschaffen. Einerseits gab es so einen klaren Gegner für den Helden Raylan Givens, aber eben einer der nicht einfach als Bösewicht abzutun war. Die enge Verquickung der beiden Familiengeschichten, die Relevanz sowohl von Mags als auch von Dickie in Raylans Vergangenheit hat für unheimlich tiefe emotionale Resonanz gesorgt, aber auch durch Figuren wie Helen wurde diese Verbindung noch einmal verstärkt. Jede Handlung, die in dieser Konstellation stattfand, war vollgeladen mit unzähligen Bedeutungen, die über bloße Motive wie Rachsucht beispielsweise weit hinaus gingen. Ein noch wichtiger Aspekt war aber auch die junge Loretta, die zwar keine Vergangenheit mit allen Charakteren hatte, die aber schnell eine derart komplizierte Beziehung zu Mags und auch Raylan entwickelte, dass die Einsätze sofort um einige Punkte erhöht wurden.

Kein unwichtiger Aspekt dabei ist die Tatsache, dass drei der prägendsten Figuren der 2. Staffel weiblich waren, eben Mags, Loretta und Helen (Ava gehört im gewissen Sinne auch dazu, wobei ich zu ihr dann mehr im Bezug auf die 3. Staffel zu sagen habe). Und das liegt für mich nicht daran, dass ich mich als Frau besser mit ihnen identifizieren kann (oder ich mir als Kritikerin einfach immer mehr weibliche Charaktere wünsche), sondern das die Gefühls- und Motivlage dieser Charaktere einfach viel faszinierender, vielfältiger und für die TV-Geschichte zudem neuartiger waren, als die so mancher Männercharaktere. Die Umstände, die Mags zu dem machten wer sie ist, diese Prägung aus kulturellem Umfeld, ihrer früh erzwungen Rolle als Matriarchin, ihre Stellung in der Gesellschaft, ihre ganz persönlichen Charaktereigenschaften und die Art und Weise, eben wie eine Frau mit gegebenen Problemen umzugehen, all das sieht man einfach nicht oft im aktuellen Programm. (Zudem haben wir über Mags Leben einen tiefen Einblick in das Lokalkolorit erhalten, der in Staffel 3 weitestgehend fehlte). Gleiches trifft auf Loretta zu, die zwar ein eindeutiger Sympathieträger ist, von der man es sich aber gut vorstellen kann, zu einer weiteren Kriminellen heranzuwachsen. Dagegen sind die 1000. Inkarnation des gestörten Psychopathen, der kleine Jungs quält, einfach nichts Neues mehr und für mich einfach langweilig. So großartig Quarles gespielt war, so bedrohlich dessen Wahnsinn für Raylan wurde, wenn es um seine Motive und seine Hintergrundgeschichte ging, war für mich nichts Neues und damit eben auch nichts Interessantes zu sehen. Es hat sich Kapitel für Kapitel so entwickelt, wie wir das von tausenden anderen Figuren kennen.

Widmen wir also nun ein wenig näher Quarles, der von Beginn an wichtig für den Aufbau der 3. Staffel war. Man kann gut erkennen, dass die „Justified“-Macher mit ihm so weit wie möglich vom Übercharakter Mags Bennett weg wollten. Ein Impuls, den ich gut nachvollziehen kann und den ich durchaus auch respektiere (lieber ein Experiment wagen, was nicht zu 100% funktioniert, als bewährte Rezepte so lange zu wiederholen, bis keiner sie mehr ertragen kann), dennoch konnte ich diesen Charakter nie mehr als in der Theorie schätzen. Mir geht diese Bewunderung für solche gewalttätigen Psychopathen von Haus aus ab, und darüber hinaus gab es bei ihm eigentlich nicht mehr viel zu entdecken. All diese zugefügte Geschichte, wie er zu dem wurde was er ist, ist leider in unserer Pop-Kultur bis in all die grausamen Feinheiten schon so sehr Alltag, dass er keinerlei Regung mehr bei mir auslöst. Im Gegenteil, ich bin meist abgestoßen von der ständigen Faszination in unserer Gesellschaft für solche Missbrauchs-Serienkiller-Mythen. Dass Quarles im großen Ganzen der Staffel immer marginaler wurde, bis er am Ende nur noch ein bloßer Schatten seiner selbst war, wusste ich dann durchaus zu schätzen. Es hat irgendwie gezeigt, dass man sich von Autorenseite dessen bewusst war, dass er mehr ein Image als einen richtigen Charakter verkörperte.

Es gab ja neben Quarles auch noch Limehouse, den ich da schon weitaus faszinierender fand. Das hat viel damit zu tun, dass Limehouse kein Außenseiter in Harlan, sondern dass er dort tief verwurzelt ist und durchaus mit dem Versprechen daher kam, Einblicke in eine uns völlig unbekannte Gesellschaft, den Noble’s Holler zu liefern. Diese Versprechen hat man bisher nicht einhalten können, denn bis auf sein legendäres Schlachthaus haben wir vom Holler nicht viel gesehen. Wo sind die Frauen, die er vor ihren Männern beschützt, wo sind all die anderen Menschen die dort leben? Hier hat man noch einiges Potential offen, welches man in späteren Staffeln natürlich durchaus noch ausschöpfen kann. Denn es fehlte wohl auch einfach die Zeit, auf diese Dinge wirklich näher einzugehen. Besonders der letzte Teil der Staffel war dann nämlich inhaltlich enorm vollgeladen. Ich kann nicht von mir behaupten, ich hätte alle Wendungen, Tricks und Betrügereien mitbekommen, die da zwischen den diversen Parteien wie Limehouse, Quarles, Boyd Crowder und dann eben noch Raylan und den Marshalls abgelaufen sind. Das ging alles so schnell hin und her und war so verworren, da musste man wirklich sehr genau aufpassen. Und irgendwie erinnerte es mich ein wenig an „Vampire Diaries“, dass ebenfalls mit unzähligen Twists und Turns aufwartet, die Handlungsebenen immer wieder neu vermischt und vertauscht und so über bloße Geschwindigkeit die Geschichte aufregend hält. Macht man dies gut, wie es sowohl „Vampire Diaries“ als auch „Justified“ tun, dann ist dies sicherlich sehr unterhaltsam, aber führt doch zu einer gewissen Leere im Inneren. (Und es ist bezeichnend, dass die „seriöse Männerserie“ in den meisten Kritikerserie mit solchen Tricks als hochangesehen gilt, während die „Mädchenserie“ von vielen gar nicht als ernstzunehmend wahrgenommen wird.)

Die wenigen relevanten Charakterentwicklungen dieser Staffel lassen sich an einer Hand abzählen, dazu gehört für mich Avas Weg zu Boyds wahrer Gefährtin, der wirklich faszinierend ist, der aber leider viel zu wenig Raum einnahm. Auch die wirkliche Relevanz, in der wahnsinnig verqueren Vater-Sohn-Dynamik sowohl zwischen Arlo und Raylan, als auch zwischen Arlo und Boyd, wurde erst ganz zum Ende hin wieder aufgegriffen. In diesen Momenten, die uns so viel über die Figuren sagen, kratzt „Justified“ so nahe an der Genialität, dass es einfach manchmal schade ist, wie viel Zeit man aufs Coolsein und Verbrecherspielen verwendet. Zu sehen, wie Ava Schritt für Schritt ihre Zweifel am kriminellen Weg verliert, wie sie vielleicht eine ähnliche Sozialisation durchmacht wie Mags Bennett (und die bereits vor langem von Helen vorausgesagt wurde) ist wundervoll und bleibt einem lange im Gedächtnis, ein cooler Showdown mit Waffengewalt mir dagegen selten. Ebenso wird mir vom Staffelfinale wohl immer der letzte Satz Raylans über die erschütterten Motive seines Vaters in Erinnerung bleiben, und nicht die Entwaffnung Quarles‘.

Es gibt viel zu mögen an „Justified“, keine Frage. Dazu gehört auch der tiefe Nebencast, die dichte Welt an wiederkehrenden Charakteren, die man meisterhaft einzusetzen weiß. Es ist eine besondere Welt, die uns die Serie präsentiert und Raylan ist einer der komplexesten Charaktere, die das Seriengeschäft momentan zu bieten hat. Das geht manchmal angesichts der auffälligeren und mehr nach Coolness heischenden Gegner von ihm etwas unter, aber die Dämonen und Geister, die Raylan verfolgen, der aber dennoch immer versucht auf der Seite des Guten zu bleiben, sind faszinierend. Auch Boyd Crowder gehört in diese Kategorie der Charaktere, die einem tief im Gedächtnis bleiben, denn seine Motive und Handlungsweisen sind so anders als das was wir von unseren normalen kriminellen Gangstern gewohnt sind. Es ist eine wirklich wunderbare Grundlage, die die Serie etabliert hat. Aber es ist auch bezeichnend, dass man auch nach drei Staffeln immer noch keine signifikante Rolle für die beiden Marshalls Tim und Rachel gefunden hat, dass lediglich eine weibliche Figur (Ava) in dieser Staffel einen signifikanten Handlungsbogen hatte und das eben zwei Frauenfiguren (Winona und Rachel) wieder einmal in den Hintergrund gedrängt wurde, eine davon die Quoten-Afroamerikanerin im Hauptcast. Das zeigt in der Fülle der Fakten eben ein mangelndes Interesse an der Vielfältigkeit, an der man hoffentlich in der Pause arbeitet. Bei mir überwiegt dennoch die Gewissheit, dass man trotz dieser offensichtlichen Schwächen in der Lage ist auf hoher Qualitätsebene Geschichten zu erzählen, wie es damals in Staffel 2 der Fall war. In der aktuellen Season hat man einen etwas anderen weg eingeschlagen, da man sich aber offensichtlich durchaus bewusst ist, dass dies nicht die gleiche Tiefe erreichte, bin ich dennoch voller Zuversicht, dass man ein solches Meisterstück auch noch mal abliefern kann. Lieber einen gewissen vertretbaren Qualitätsabfall riskieren und neue Wege gehen, als durch risikofreie Wiederholung des Erfolgsrezepts im Nachhinein alte Errungenschaften abschwächen.

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