David Simon und die Frage nach dem Sinn und Unsinn der direkten Serienberichte

Eines der Themen, das in der vergangenen Woche die Wogen der Kritikergemeinde bei Twitter und Co. bewegt hat, war ein Interview von Serienmastermind David Simon („The Wire“, „Treme“) in der New York Times, in welchem er mit harschen Worten ein breites Feld an Fans und Anhängern seiner Werke vor den Kopf gestoßen hat. Die Aufregung war so groß (wurde aber durchaus auch in Form fruchtbarer Dialoge ausgeführt, eines meiner nächsten blogbezogenen Projekte wird das Erlernen von Diensten wie Storify werden, so dass ich solche Twitterdialoge hier auf dem Blog reproduzieren kann), dass er kurz darauf Kontakt zu Alan Sepinwall aufnahm und ein weiteres Interview zu genau diesem Thema gab. Dabei ist es natürlich besonders interessant, diese beiden doch sehr gegensätzlichen Standpunkte, die da aufeinandertreffen, gegenüber stehen zu sehen. Sepinwall wird ja schließlich in einigen Kreisen als Pionier und vielleicht sogar Schöpfer der heute blühenden Kultur der episodenbezogenen Reviews bezeichnet. Und David Simon tritt hier, und auch an anderer Stelle immer wieder, dafür ein, sich von diesem Modell etwas zu verabschieden, auch wenn ihm durchaus bewusst ist, dass er keine Ideen für Alternativen hat. Auf die Frage nach seinem Standpunkt zu wöchentlichen Reviews in Blogs und auf anderen Seiten antwortet er:

I think there’s a fundamental disconnect with what certain types of longform television are now trying to build and the way in which they’re consumed by the audience. And I don’t know what to do about that. I don’t know how to resolve that. It’s beyond my paygrade to resolve it. I can’t figure out what the alternative is. These things do have to air at a certain moment, they have to air in pieces, but a greater percentage of the audience is acquiring them singularly through DVDs or downloads, and they’re not experiencing it in weekly installments in the way that television was traditionally acquired.

Ich finde diesen grundsätzlichen Konflikt, der sich auch von keinem schlauen Kopf so einfach lösen lässt, unheimlich faszinierend. Zum einen ist es sicher kein Zufall, dass sich eine solche, nennen wir sie einmal Zweitkultur in Form von Reviewseiten und Blogs gerade so lebhaft und durchaus auch intellektuell fordernd rund um das Medium TV-Serie entwickelt hat. Das wurde von einigen Faktoren besonders begünstigt, die einzeln sicher auch bei anderen Kulturgenres zutreffen, aber so gebündelt doch ziemlich einmalig sind. Serien sind zumindest am Anfang mit einem klaren Ausstrahlungstermin ausgestattet, so dass mittlerweile fast die ganze Welt genau einen Termin hat, an dem sie beginnt über das Thema zu sprechen. Das wäre sicher auch im Falle einiger Kinofilme der Fall, aber im Gegensatz dazu erzählen Serien eine fortlaufende Geschichte und binden die Zuschauer (idealerweise über faszinierende Charaktere) so einfach viel längerfristiger an sich. Und als dritten Faktor sehe ich eben genau die Tatsache, die David Simon sich eigentlich wünscht oder auch vermisst. Einige Serien bieten eine  derartige thematische und konzeptionelle Tiefe, dass sie geradezu dazu herausfordern, länger und eben auch gemeinsam über sie nachzudenken.

Vielleicht sind es gerade die sprichwörtlichen Geister, die er rief, die David Simon nun stören. Ich kann es durchaus auch ein wenig nachvollziehen, dass er sich darüber ärgert, wenn sein Werk auf wenige, oberflächliche Faktoren reduziert wird. Derartiges Verhalten treibt mich bei anderen Serien gerne auch einmal in den Wahnsinn, und da habe ich nicht die Beziehung eines Schöpfer zu seinem Werk, die ja sicher noch viel intensiver sein wird. Ein weiteres Zitat aus dem Interview lautet:

For us, telling us how cool Omar was four years after the entire thing is on the page — if that’s the point, then our ambitions were pretty stunted to begin with. I was asked a question about what I thought about the show’s longevity, and about the „Wire“ mania that was going on in March when the brackets sprung up, and I answered to that. Other people’s mileage may vary and will vary, but if you’re asking me whether or not that stuff is meaningful, I think in some ways it diminishes „The Wire.“

Aber solche oberflächlichen Meinungsäußerungen sind auch immer nur eine Seite der Medaille. Gerade Werke wie „The Wire“ profitieren doch viel mehr von den Möglichkeiten kluger Betrachtungen und Analysen, die diesen ein Leben nach der ursprünglichen Ausstrahlung verleihen und meiner Meinung nach durchaus auch erst die heutige gesellschaftlich-kulturelle Relevanz verleihen. Und das eben auch erst im Laufe der Zeit und in den Jahren nach der Ausstrahlung. Um es mal simpel auszudrücken: Wenn heute keiner mehr von „The Wire“ sprechen würde, ob oberflächlich oder eben tief-analytisch, dann wäre „The Wire“ lediglich ein temporäres Kritikerphänomen geblieben. Dass es aber auch lange nach der Ausstrahlung immer noch viele kluge Menschen zum darüber Nachdenken und auch Schreiben anregt, verleiht ihr erst die Bedeutung, die David Simon und sein Team bezweckt haben. Aber diese Relevanz entsteht nicht durch bloßes Wunschdenken, beziehungsweise es reicht nicht, die Vorrausetzungen dafür zu schaffen, sie muss erst durch die Resonanz in der Gesellschaft geschaffen werden. Das ist mit „The Wire“ gelungen, dabei darf der Zuschauer als wichtiges Element aber nicht unterschlagen werden.

Generell spreche ich aber Simon seine Meinung dazu natürlich nicht ab, Gott bewahre. Mir ist jeder introvertierte, aber nach außen divenhafte Kulturschöpfer, der zu seiner Integrität steht und dem es ein Herzenbedürfnis ist, seine Kunst in reiner Form in die Welt zu bringen, tausendmal lieber als all die nach Popularität  hechelnden und, um es mal mit den Worten der FDP zu sagen, der Tyrannei der Masse ergebenen Autoren. Die großen Künstler, denen die Verwirklichung ihrer Vision ein unabstellbares Grundbedürfnis ist, sind ja oftmals nicht gerade die sympathischsten  Zeitgenossen. Und dieses leicht schizophrene Verhältnis zwischen dem Genie, welches sein Publikum wahrscheinlich insgeheim seiner Kunst nicht würdig befindet, ist ja nun auch kein neues Phänomen. Aber oftmals entstehen genau so Werke für die Ewigkeit und auch wenn mir Männer wie Simon oder auch Matthew Weiner und David Chase nie besonders sympathisch sind, habe ich doch enormen Respekt und auch Bewunderung für ihre Kunst. Sie schaffen die Werke, die mir viele Stunden der intellektuellen Herausforderung bieten, und die mich darüber hinaus köstlich unterhalten. Denn auch das gehört dazu und sollte von den Herren nicht unterschätzt werden.

3 comments so far

  1. Ringworm on

    David Simon wehrt sich ja gegen so manche vermeintlichen Konventionen der Serienlandschaft. Wenn es nach ihm ginge, wäre etwas wie „The Wire“ auch gar nicht wöchentlich ausgestrahlt worden, um eben solchen „Auswüchsen“ vorzubeugen. Aber gut, irgendein Eingeständnis muss man halt machen, wenn man irgendwie gesehen werden möchte. Wenigstens war er einer der ersten, der die neue narrative Struktur, die ein Sender wie HBO bot, auch ausnutzte.

    Er bemüht dann (manchmal auch mitunter zu oft) den Vergleich zu Büchern, die schließlich im Normalfall auch nicht kapitelweise analyisiert und beurteilt werden, sondern erst dann, wenn sie auch tatsächlich zu Ende sind. Daher kann ich seinen Standpunkt gut verstehen. Wöchentliche Reviews haben gewiss ihre Berechtigung, gegen einen wöchentlichen Austausch hat auch Simon nichts. Aber wenn man ein „Gesamtkunstwerk“ aufzudröseln versucht, ohne alle Elemente kennen zu können (da die Staffel bzw. Serie noch nicht zu Ende ist), kann das bis zu einem gewissen Teil zu einer gehörigen Fehleinschätzung führen (siehe das Beispiel von „Generation Kill“, das er anführt), und damit ist dann ja auch niemandem geholfen.

    Wenn eine Serie insgesamt mehr ist als ihre Einzelteile, möchte man eben auch, dass das bei der Beurteilung entsprechend Berücksichtigung findet. Ihm geht es dann ja auch nicht darum, dass man heute nicht mehr über die Serie sprechen darf. Vielmehr stört ihn die Art und Weise, wie eine Serie, die Dialoge, Charaktere, Schauplätze und Handlung nie als Selbstzweck ansieht, sondern als Beitrag zum großen Ganzen, mitsamt ihren Elementen monokausal betrachtet wird. Richtig einschätzen kann man so manche Serien eben tatsächlich erst dann, wenn sie zu Ende sind. Und was genau sagt der Umstand, dass Omar ein cooler Charakter ist, denn wirklich über die Qualität der Serie aus? Letzten Endes ist das doch auch nur ein kleines Mosaiksteinchen.

    Dass auch Simon nicht verhindern kann, dass man sich weiterhin wöchentlich über seine Serien austauschen wird, weiß auch er. Genauso wie er sich dessen bewusst ist, dass er mittlerweile arbeitslos wäre, wenn sich aus den zeitaktuellen Diskussionen über einzelne Episoden und das Rauspicken bestimmter Elemente der Serie, nicht diese Dynamik entwickelt hätte. Aber deswegen muss er Gewohnheiten beim Serienkonsum, die aus seiner Sicht veraltet sind, ja nicht gut finden.

  2. moo talaei (@mootalaei) on

    Ich seh das persönlich ehrlich gesagt überhaupt nicht als serienspezifisches Problem, sondern vielmehr als völlig natürliches, wenn auch für den Schöpfer sicherlich oft frustrierendes Schicksal eines jeden Künstlers. Ob’s nun eine Serie ist, ein Buch, ein Album, ein Gemälde – ganz egal. Wenn man unheimlich lange an etwas arbeitet und all sein Herzblut in ein Werk hineinsteckt, wünscht man sich natürlich auch, dass dieses von den „Konsumenten“ als das wertgeschätzt wird, was es ist bzw. sein soll. Aber das funktioniert so einfach nicht. Denn sobald ein Werk veröffentlicht und einer breiteren Masse zugänglich gemacht wird, nimmt es ein Eigenleben an, weil jeder es mit anderen Augen sieht (oder Ohren hört) und dementsprechend auch seine eigenen Schlüsse zieht und ihm eine eigene Bedeutung zuschreibt. Das Publikum macht es sich gewissermaßen also wirklich zu eigen. Und das ist für mich (zumindest aus Konsumentensicht) eigentlich auch das Schöne an Kunst. Die Tatsache, dass es keine objektive Wahrheit gibt, kein richtig und kein falsch, sondern nur persönliche Präferenzen und Interpretationen, die mit der Intention des Autors im Einklang stehen können oder aber auch nicht.

    Da kann ein David Simon machen, was er will, er wird nicht beeinflussen können, wie man sein Baby, das er jahrelang mit viel Liebe großgezogen hat, betrachten wird, weil es mittlerweile einfach längst erwachsen geworden und aus dem Haus ist. Diese Machtlosigkeit ist garantiert kein schönes Gefühl, von daher verstehe ich auch voll und ganz, woher sein Unmut kommt. Aber da kann meines Erachtens niemand etwas daran ändern. Selbst wenn man die Serie erst als großes Ganzes konsumieren und erst anschließend über sie urteilen würde, gäbe es ja immer noch Leute, die die Coolness von Omar über die sozialkritische Message stellen würden. Es gäbe immer noch Leute, die bestimmte Aspekte der Serie völlig anders interpretieren und/oder bewerten würden als Simon sie ursprünglich gemeint hat. Klar sind solche Gesamt-Bewertungen bei fortlaufenden Geschichten wie „The Wire“ fundierter und vielleicht auch „fairer“ (was auch immer das bedeuten mag) als Episodenreviews, aber das macht sie nicht automatisch richtig.

    Aus meiner Sicht ist der Hund daher auch weniger in der (Episoden-)Kritik per se begraben, als in der Art und Weise wie sie geäußert wird. Ich glaube, was Simon eigentlich stört, ist nicht (allein) die Tatsache, dass voreilig Schlüsse gezogen werden, sondern dass diese vielmehr von vielen oft als allgemeingültig verkauft werden. Oder dass – noch schlimmer – ihm grundlos Dinge in den Mund gelegt werden, weil viele einfach automatisch von der Kunst auf den Künstler schließen. Wenn irgendein Kritiker sich anmaßt zu wissen, was Simon mit seinem Werk aussagen wollte, ist es eigentlich nur verständlich, dass letzterer sich darüber aufregt, wenn ersterer dabei völlig falsch liegt. Das macht für mich aber nicht den Eindruck(!) des Kritikers an sich falsch oder ungültig, sondern bloß seine Schlussfolgerung. Denn letztlich ist es jedem selbst überlassen, was man aus einer Serie wie „The Wire“ (oder auch einer einzelnen Episode) mitnimmt, was einem gefällt oder nicht gefällt. Da hat jeder das Recht auf eine eigene Meinung, ob sie nun mit Simon einhergeht oder nicht. Sie darf halt nur nicht als objektiv hingestellt werden.

    Mit anderen Worten: Episodenreviews sind bei komplexen Serien mit übergreifender Handlung immer so lange sinn- und wertvoll, so lange sie als eine Art tentativer (und natürlich subjektiver) Zwischenbilanz geschrieben werden, die Gedankenaustausch fördern sollen. Sobald sie aber Anspruch auf „Richtigkeit“ erheben oder auf grundlosen Annahmen über Autorintention und/oder die weitere Handlung basieren, hat Simon alles Recht der Welt, sie für vermessen zu halten. Man darf hier IMO aber eben nicht (wie er) alle über einen Kamm scheren. Es gibt solche und solche Reviews. Solche, die definitiv ihre Daseinsberechtigung haben und auch massiv zu dem komplexen Gesamtbild, das man letztlich vom großen Ganzen gewinnt, beitragen, weil sie Stoff zum Nachdenken und Diskutieren bieten und für bestimmte Themen sensibilisieren, aber eben auch solche, die Woche für Woche lediglich festgefahrene Ansichten darlegen, die mit dem großen Ganzen am Ende überhaupt nichts zu tun haben. Erstere muss Simon akzeptieren, auch wenn sie nicht immer mit ihm einhergehen. Über letztere hat er wiederum ein gutes Recht, sich aufzuregen.

    Jetzt hab ich eigentlich nur die Hälfte von dem runtergeschrieben, was ich eigentlich sagen wollte, aber ich denke, das reicht jetzt trotzdem mal.😉


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