Wo sind all die Damen hin? Wo sind sie geblieben? Eine Suche nach weiblichen High Quality Serien

Es passiert viel zu selten, aber manchmal gibt es diese Momente, in denen einem ein Gedanke durch den Kopf geht, der sich im Handumdrehen vervielfältigt, um sich greift und eine ganze Kette von Ideen und Erkenntnissen erzeugt. Bei mir passiert dies aufgrund meiner Vorlieben wenn dann meist während dem Schauen einer Serie und so ist mir beim Schauen der 4. Episode von „Luck“ das sprichwörtliche Licht aufgegangen. Ein Gedanke oder man kann es auch These nennen, setzte sich in meinem Kopf fest, hat mich fast die ganze Nacht geistig auf Trab gehalten und nun nutze ich meinen liebgewonnen Blog, um die Welt daran teilhaben zu lassen.

In der auslösenden Szene beobachtet der Zuschauer die unerfahrene Rosie (Kerry Condon), die als Jockey die Chance erhält in einem wichtigen Rennen ihr geliebtes Pferd zu reiten. Sie bekommt die Kabine für weibliche Jockeys gezeigt und wie es scheint, ist diese lange Zeit ungenutzt geblieben, ist mehr oder weniger nur eine Abstellkammer, weil sie viel zu selten gebraucht wird. Als Rosie den Moment in sich aufnimmt, voller Freude und Enthusiasmus über die sich ihr bietende Chance, war ich wie vor den Kopf gestoßen, denn mir ist noch mehr als zuvor aufgefallen, dass „Luck“ eine reine Männerwelt betrachtet. Neben Rosie gibt es lediglich eine weitere Frau im Hauptcast und die Haupthandlung dreht sich ausschließlich um die Männer der Rennbahn. Und der Gedanke der mich nicht wieder losließ ist der, dass dies nicht der Fehler von „Luck“ ist, sondern ein weiteres Symptomdarstellt, wie normal dies in der Welt dieser sogenannten high quality Serien ist. Und um dem gleich vorwegzugreifen, meine Kritik bezieht sich hier auch nicht speziell auf „Luck“, welches eine ganz spezifische Geschichte aus einem sehr kleinen, klar nach außen abgegrenzten Milieu erzählt, welches eben hauptsächlich von Männern bevölkert wird. Aber denkt man einmal darüber nach, wird es wirklich schwer ein hochprofiliertes Drama zu finden, was auf eine Frau zugeschnitten wurde.

Ich meine damit nicht, dass es die spannenden und interessanten Frauenfiguren nicht gibt, denn das entspräche nun wirklich nicht der Wahrheit. „Mad Men“ ist bevölkert von wahnsinnig vielschichtigen, weiblichen Charakteren, gerade Peggy Olson ist ein Paradebeispiel für einen großartigen Frauencharakter. Sie verkörpert diesen Typus Frau, der eben nicht übers Frau sein definiert ist, denn nie käme einem zuerst in den Sinn, sie wäre ganz so wie man sich eine typische Frau vorstellt. Nein, da stehen ihr Talent, ihr Gespür für die richtige Idee, ihre Hartnäckigkeit, ihre Zurückhaltung weit vor spezifisch weiblich Charaktereigenschaften. Ich würde sogar sagen, sie ist so ein ansprechender Frauencharakter, weil sie sich eben nicht wie diese als typisch weiblichen Archetypen verhält. Aber dies ist nur eine Facette von ihr, denn auch viel weiblichere Frauen wie Joan Holloway oder auch Betty Draper überzeugen in „Mad Men“ immer wieder und bleiben auch nach vier Jahren spannend. Aber obwohl ich „Mad Men“ als eine zutiefst feministische Serie betrachte, ist sie doch eine Serie, die sich in ihrem Kern um einen weiteren männlichen Antihelden, nämlich Don Draper dreht. Ebenso wie „Breaking Bad“ um Walter White, „Die Sopranos“ um Tony Soprano, „Boardwalk Empire“ um Nucky Thompson und auch all die hochgelobten FX-Dramen haben männliche Protagonisten, die uns von den Postern mit grimmigem Blick anschauen. Keine einzige der Serien, die nach außen in einem einzelnen Charakter verankert sind und die diese klaren Mittelpunktfiguren für ihre DVD-Hüllen und Werbeplakate hat, wird von einer Frau angeführt. Und besonders eklatant ist diese Situation gerade in dem Bereich, wo man aufgrund des hohen Bildungsstandards und dem daraus resultierendem hohen Anspruch eine besonders vielfältige und tolerante Mischung erwarten könnte.

Und bevor der Leser mir nun die wenigen vorhandenen Beispiele um die Ohren knallt, werfen wir doch einmal einen Blick darauf. Am nähesten an meine Vorstellung der idealen Leading-Woman kommt wohl Carrie Matheson in „Homeland“. Sie ist die tragende Figur der Show, sie ist komplex und aufregend und sie ist ohne Frage einer meiner absoluten Lieblingscharaktere der aktuellen TV-Landschaft. Und Carrie markiert für mich den richtigen Weg, denn inhaltlich steht sie so sehr im Mittelpunkt, dass ich „Homeland“ nun wahrlich keinen Vorwurf machen kann. Nach außen ist Claire Danes aber nur eine der beiden Hauptfiguren, sie nimmt in Sachen Marketing den Platz neben Damian Lewis ein. Und wenn man sich selbst dabei ertappt, die Serie zu beschreiben, in dem man zunächst auf den Aspekt der Geschichte rund um Nicholas Brody eingeht, merkt man doch wieder das Problem. „Homeland“ ist also eine Art trojanisches Pferd, man merkt erst dass man eine weibliche angeführte Serie schaut, wenn man mittendrin ist.

Es ist also nicht das Problem, dass sich Serienmacher und Drehbuchautoren nicht an starke und komplexe Frauen rantrauen, sondern das Problem liegt darin, dass sich rein weiblich orientierte Serien offensichtlich nicht vermarkten lassen, oder die Studios nicht daran glauben diese vermarkten zu können. Und ich bin mir sicher, dass dies meist kein bewusster Sexismus ist, denn viele der Sendeverantwortlichen von HBO, AMC, FX usw. sind kluge Leute, aber es sind eben Männer. Und die meisten Showrunner, gerade im high quality Bereich sind auch Männer. Ich glaube auch nicht daran, dass diese Männer bewusst verhindern, dass Frauen in verantwortliche Positionen kommen, oder „Frauenserien“ produziert werden. Es ist einfach ein ewiger Zirkel aus Gewohnheit und subtilen Vorurteilen. Schafft es einmal eine Frau unter den Showrunnern ganz nach oben, dann ist sie oft auf eher weiche Frauenthemen spezialisiert, wie Shonda Rhimes bei ABC. Und dagegen ist nichts einzuwenden, wenn nicht die andere Seite des Spektrums komplett fehlen würde. Warum gibt es keine Serie im absoluten Top-Dramabereich, mit einer Frau als Anker? Die „Männerserien“ sind doch auch nicht auf das Mannsein reduziert. Keiner würde vermuten, bei einer Serie rund um einen männlichen Protagonisten dreht es sich speziell und ausschließlich um angebliche Männerthemen. Und wieso ist es so schwer, einem männlichen Publikum klarzumachen, dass sich Frauenserien nicht nur ums Frausein drehen? Wir Frauen sind doch auch offen für viele Themen, die nicht in unserem angeblichen Interessengebiet liegen. Und schlimm daran ist für mich eben die Tatsache, dass das gerade im intellektuellen Bereich noch viel verbohrter zu sein scheint.

Denn die vorhandenen Beispiele von weiblich geführten Shows mit richtigen Vorbildcharakteren im Mittelpunkt befinden sich alle in anders belegten Bereichen. Etwas ältere Paradebeispiele sind Buffy Summers und Veronica Mars, beide hatten ihre Heimat auf Sendern die sich an ein Teenagerpublikum richten. Und beide gehören für mich zu den absoluten Ikonen des Serienfeminismus‘. Auch die Gilmore Girls, besonders natürlich Lorelai sind solche Vorbildfrauen, wie ich sie viel öfter sehen möchte und auch die wurden in Richtung eines Teenagerpublikums konzipiert. Kann es ein, dass gerade die als oberflächlich verrufenen Teenies viel offener für kluge Frauen sind? Oder liegt die Ursache eines solchen Phänomens darin, das dieses Publikum eben zum größten Teil weiblich ist (die Jungs in dem Alter widmen sich wohl eher den Computerspielewelten) und deshalb haben Sendeverantwortliche weniger (bewusste oder unbewusste) Skrupel gegen weiblich verankerte Erzählweisen. Ein weiteres Indiz für diese These findet man heutzutage darin, dass auch ABC Family, welches aus meiner Sicht so ein wenig die Nachfolge vom guten alten WB (der Heimat von „Buffy“ und den „Gilmore Girls“) übernommen hat, wenn es um Teenagerserien mit einem anspruchsvollen Kern geht, Figuren in dieser Richtung vorzuweisen. Die beste aktuelle Teenserie „Switched at Birth“ dreht sich beispielsweise um zwei junge Frauen, die als Vorbild- und Identifikationsfiguren für junge Mädchen wunderbar geeignet sind.

Aber auch im erwachsener orientierten Network-Bereich ist die Situation aus meiner Sicht viel besser als im Cable-Segment. Natürlich muss man an dieser Stelle auf „Good Wife“ hinweisen, welches die mit großem Abstand beste Dramaserie rund um Frauencharaktere im aktuellen US-TV ist. Da ist ja nicht nur Alicia Florrick, da sind auch Diane Lockhart und Kalinda Sharme, und vor allem ist Julianna Margulies das unbestrittene Aushängeschild und stehen alle Männer hier klar in der zweiten Reihe. Will hinter Alicia und auch Diane, Cary hinter Kalinda. So wie wir es sonst von den Frauencharakteren gewohnt sind, die irgendwie immer männlichen, in der Erzählstruktur dominanteren Figuren zuzuordnen sind. (Skylar zu Walter White, Betty zu Don Draper, Margaret Schroeder zu Nucky Thompson usw.). Aber dennoch erkennt man auch am Beispiel „Good Wife“ das eigentliche Problem, denn immer wenn jemand behauptet „Good Wife“ könne in der Liga der ganz großen Dramen mitspielen, schlagen einem zwei Vorurteile entgegen: Wirklich, eine CBS-Serie? Wirklich, eine Serie mit dem Titel „The Good Wife„? Und dann argumentiert man eben, dass Alicia eben gar nicht so ist, wie man sich das typischerweise vorstellt. Und damit schneidet man sich doch schon wieder ins eigene Fleisch.

Besser ist die Situation im Comedy-Bereich, dort gibt es momentan wirklich viele tolle Frauenfiguren, die Serien auf ihren Schultern tragen. Angefangen natürlich von Leslie Knope, über Liz Lemon bis hin zum bald startenden „Girls“ auf HBO. Auch die Showtime-Halbstünder ruhen oft auf weiblichen Schultern, auch wenn diese meist nicht mein Fall sind und ich deshalb hier nicht näher darauf eingehen kann. Aber das ist Geschmackssache. Denn hier hat man wenigstens die Auswahl zwischen verschiedenen Ausprägungen. Warum geht das nicht auch für die anspruchsvollen Dramen? Warum muss sich eine Serie, die solch geniale Frauencharaktere wie Daenerys Targaryen im Mittelpunkt hat wie „Game of Thrones“ hinter einer männlichen Leitfigur wie Sean Bean verstecken? Mir ist schon klar, dass „Game of Thrones“ hier nicht das ideale Beispiel ist, weil diese Struktur natürlich direkt auf der Vorlage entsprungen ist, aber dennoch ist es wieder eines dieser trojanischen Pferde, in dem die vielen weiblichen Protagonisten über eine erste männliche Bezugsfigur „eingeschmuggelt“ wurden.

Beziehen wir uns hierbei mal auf ein paar konkrete Zahlen, von den wichtigen Cable-Sendern (HBO, AMC, FX, Showtime) sind 15 Showrunner Männer (Boardwalk Empire, Game of Thrones, Treme, True Blood, Breaking Bad, Mad Men, Hell on Wheels, The Walking Dead, American Horror Story, Sons of Anarchy, Justified, Homeland, The Borgias, Shameless, Dexter (bei den vielen Wechseln dort bin ich mir aber gerade nicht sicher)) und nur eine eine Frau (The Killing). Das die eine Frau, hier eben Veena Sud dann auch noch eine sehr problematische Serien anführt ist natürlich unglücklich, aber weil eine Frau scheitert, heißt dass doch nicht das es das erstmal war mit Frauen als Showrunner, hoffe ich zumindest. Bei den Comedyserien sieht es etwas besser aus, aber wie gesagt dies ist ja Teil des Problems, beziehungsweise der von subtilen Vorurteilen belasteten Situation, dass Frauen nur für die weicheren, oder eben sogar nur für rein weibliche Themen geeignet sind.

Ein mir unbekanntes Projekt ist dabei noch „Damages“, welches schließlich auch lange seine Heimat bei FX hatte. Es ist eine Serie mit zwei starken Frauen im Mittelpunkt, das Marketing lief dabei hauptsächlich über Glenn Close. Da ich „Damages“ aber nicht kenne, würde mich durchaus interessieren, ob sich die Serie als einzelnes Gegenbeispiel für den hier aufgezeigten Trend eignet?

Wenn man noch tiefer in die Welt der Vorurteile des Showgeschäfts gehen will, muss man natürlich erwähnen, dass es im Bereich der repräsentierten verschiedenen Rassen der amerikanischen Gesellschaft noch viel schlimmer aussieht. Hauptdarsteller mit afroamerikanischem oder einem anderen ethnischen Hintergrund, der nicht der Standardweiße ist, sind maximal Teil eines großen Ensembles, im schlimmsten Fall als stereotype Figuren (der schwarze Polizeichef, die schwarze beste Freundin, gerne dann auch in Doppelfunktion als Hexe, der indische Computernerd usw.) vertreten. Und hier gibt es nicht mal Ansätze zur Hoffnung auf Besserung im Mainstreambereich, da lächeln uns weiter die blütenweißen Ensembles an. Und wenn sich die Branche mit einer hohen Integration von ausländischen Darstellern rühmt, und es sich dabei zum großen Teil um Engländer oder Australier handelt, die ihren antrainierten Ami-Akzent einsetzten, ist dies einfach nur lächerlich.

Unterm Strich bleibt also für mich die Erkenntnis, dass der typische weiße, westlich geprägte Mann, gerne bereit ist Geschichten über sich selbst anzuschauen. Alle anderen Gruppen, die man so unglücklich als Minderheiten bezeichnet (Frauen sind mit 50% der Bevölkerung ja nun wahrlich nur schwer als Minderheit zu bezeichnen, ebenso wie Menschen anderer Hautfarbe in unserer durchmischten Gesellschaft schon lange keiner Minderheit mehr angehören sollten) müssen sich damit abfinden, Geschichten über den weißen Mann anzuschauen. Und sollte es doch einmal eine Serie, einen Film oder ein Buch mit einer Hauptfigur geben, die vom Schema des weißen Mannes abweicht, dann ist die eben nur für die Frauen, die Schwarzen oder die Araber. Und der weiße Mann muss mühsam überzeugt werden, dass ihn das vielleicht auch interessieren könnte. Da fühlt man sich doch in seiner Haut gleich viel besser. Und um das Ganze dann aber doch noch auf einer versöhnlichen Note abzuschließen, lassen wir einfach noch den großen Louis C.K. zum Thema zu Wort kommen:

4 comments so far

  1. moo talaei (@mootalaei) on

    Du weißt ja, dass ich bei dem Thema grundsätzlich auf deiner Seite stehe, aber nur um deinem Gedankengang etwas entgegen zu setzen bzw. potentielle Erklärungen zu finden:

    Ich glaube, bei HBO liegt das Hauptproblem einfach darin, dass der Sender sich im Grunde von Beginn an mit größtenteils männerdominiertem Material an ein eher männliches Publikum gerichtet hat. Ich meine, die wollten sich ja bewusst von den Network-Serien abgrenzen, indem sie sich härteren Themen widmeten und die daraus resultierende, explizite Sex- und Gewaltdarstellung sowie freizügige Sprache sind nun mal alles Faktoren, die sicherlich deutlich mehr Männer ansprechen als Frauen. Und halt auch eher männliche Protagonisten nahelegen, um nicht zu sagen voraussetzen. Da diese Ausrichtung dann auch von großem Erfolg begleitet war, kam wohl nie jemand auf die Idee, daran großartig was ändern zu wollen. Und so fahren sie diese Schiene halt einfach bis heute weiter. „True Blood“ scheint mir da momentan die einzige richtige Ausnahme zu sein. (Und war AMC anfangs nicht auch eher eine Art „Altherrensender“, auf dem ein Haufen alter Westernfilme liefen?)

    Dazu sehe ich bei den Cable-Sendern, und zwar insbesondere im Drama-Bereich, einen weitaus höheren Realitätsanspruch als bei den Network-Sendern. Und wenn man sich mal so das Umfeld anschaut, in dem sich die wirklich starken Quality-TV-Serien jeweils abspielen, machen männliche Protagonisten eigentlich schon deutlich mehr Sinn als weibliche, einfach weil’s auch in Wirklichkeit (wie du ja auch selbst im Zusammenhang mit „Luck“ eingestehst) ein stark männerdominiertes Milieu ist – sei’s jetzt nun die Mafia (Sopranos), die Verbrecher- und/oder Drogenwelt (The Wire, Breaking Bad, Oz), Polizei und Feuerwehr (The Shield, Rescue Me), die Biker-Szene (Sons of Anarchy) oder jedwedes prä-Gegenwart-Setting (Deadwood, Boardwalk Empire, Hell on Wheels, Mad Men). Daher hinkt dein „Homeland“-Argument für mich auch ein wenig, weil’s eben eine Serie ist, die (jetzt mal davon abgesehen, dass sie wie „Game of Thrones“ auch auf einer Vorlage basiert) sich hauptsächlich um Terrorismus dreht und deswegen stark im Militärmilieu verankert sein muss, wo Frauen eben so gut wie gar nicht existieren und dementsprechend ein Brody her muss.

    @“Warum gibt es keine Serie im absoluten Top-Dramabereich, mit einer Frau als Anker? Die “Männerserien” sind doch auch nicht auf das Mannsein reduziert. Keiner würde vermuten, bei einer Serie rund um einen männlichen Protagonisten dreht es sich speziell und ausschließlich um angebliche Männerthemen.“
    Sicher nicht speziell und ausschließlich, deswegen gibt’s ja immer noch (wenn auch oft recht wenige) Frauenfiguren wie Skyler White und wie sie alle heißen. Aber bedingt durch das männerdominierte Setting halt schon vorrangig und ich muss auch sagen, je länger ich darüber nachdenke, desto weniger kann ich mir all diese Serien mit einer weiblichen Protagonistin vorstellen. Klar, theoretisch könnte auch Peggy die Hauptfigur von Mad Men sein, aber dann wäre es eine völlig andere Serie. Weiner wollte aber nun mal ein komplexes 60er Jahre Workplace-Drama schaffen und da muss einfach ein Mann im Mittelpunkt stehen, weil es damals kaum bis keine Frauen in den oberen Geschäftsetagen gab, die dem Zuschauer einen solchen Einblick in die Werbebranche hätten gewähren können. Und bei „Breaking Bad“ dreht sich letztlich alles um verletzte männliche Eitelkeit und idiotisches Machodünken, so dass eine Art Nancy Botwin in der Rolle völlig unvorstellbar ist. Eine Serienmörderin als „Dexter“ wäre prinzipiell vielleicht noch denkbar, aber da so jemand ja auch körperlich sehr fit und gewaltfähig sein muss, wäre da eine Frau halt wahrscheinlich deutlich unglaubwürdiger. Das einzige HBO-Drama, das mit spontan einfällt, bei dem man sicherlich auch eine Frau als Hauptfigur hätte nehmen können, ist „In Treatment“, aber auch da spielt Männlichkeit implizit eine so wichtige Rolle, dass es dann mit Sicherheit eine völlig andere Serie geworden wäre. Bei AMC hätte wiederum „Rubicon“ wahrscheinlich auch mit ner Frau gut funktioniert.

    Im Endeffekt ist also die eigentliche Frage, die man sich vielleicht stellen sollte, nicht diejenige, weshalb es im Quality TV kaum weibliche Hauptfiguren gibt, sondern weshalb der Stoff, die allgemeine Thematik der Serien meistens auf männerdominierten Domänen basiert. Weil die Showrunner meist Männer sind und denen eben nichts Anderes einfällt? Oder bestehen die Autorenstäbe dieser Serien gerade deswegen fast ausschließlich aus Männern, weil diese sich besser in diese Männerwelten einfühlen können? Für mich ist das so ein bisschen wie die Frage nach dem Huhn und dem Ei. Was war zuerst da? Die männlichen Autoren/Showrunner, die lieber über sich selbst schreiben, oder die männerdominierten und eher ein männliches Publikum ansprechenden Themen, die ein männliches Kreativteam wahrscheinlich einfach besser umsetzen kann? So oder so ist’s halt (leider) ein ziemlicher Teufelskreis, aus dem Hollywood wohl nicht so schnell ausbrechen wird. Oder wie du es eben so treffend nennst: „ein ewiger Zirkel aus Gewohnheit und subtilen Vorurteilen“.

    @“Es ist also nicht das Problem, dass sich Serienmacher und Drehbuchautoren nicht an starke und komplexe Frauen rantrauen, sondern das Problem liegt darin, dass sich rein weiblich orientierte Serien offensichtlich nicht vermarkten lassen, oder die Studios nicht daran glauben diese vermarkten zu können. […]Und wieso ist es so schwer, einem männlichen Publikum klarzumachen, dass sich Frauenserien nicht nur ums Frausein drehen?“
    Hmm… vielleicht weil Männer tief im Inneren alle sture, selbstverliebte und egozentrische Macho-Böcke sind?😉

    @“Wir Frauen sind doch auch offen für viele Themen, die nicht in unserem angeblichen Interessengebiet liegen.“
    Wobei zumindest wir beide vielleicht auch nicht gerade die typische Durchschnittsfrau repräsentieren, oder?😉 Von daher… wäre ich mir da gar nicht so sicher. Würde mich zumindest sehr wundern, wenn die HBO-Abonnenten nicht mehrheitlich männlich wären.

    @“Da ich “Damages” aber nicht kenne, würde mich durchaus interessieren, ob sich die Serie als einzelnes Gegenbeispiel für den hier aufgezeigten Trend eignet?“
    Definitiv. „Damages“ hätte sicherlich auch gut mit einem Mann in der Hauptrolle funktioniert und Glenn Close spielt auch eine sehr „männliche“ Rolle, wenn man es denn so nennen will. Aber gerade die Tatsache, dass sie eine Frau ist, verleiht der Serie meines Erachtens noch etwas mehr Tiefe. Aber das Rechtssystem ist halt auch ein flexibleres Umfeld (siehe auch „Good Wife), bei dem das besser funktioniert und glaubwürdiger ist als es bei vielen anderen Serien wäre.

  2. tvaddictfromgermany on

    Du weißt ja, dass ich bei dem Thema grundsätzlich auf deiner Seite stehe, aber nur um deinem Gedankengang etwas entgegen zu setzen bzw. potentielle Erklärungen zu finden:

    Danke, so soll es sein.🙂 Und ich hab mich bei dem Thema ja auch bewußt eher für die das glas ist halbleer Sichtweise als die positivere, erklärende entschieden. Viele deiner Argumente leuchten einem ja auch wirklich ein und sind sicher einzelne wichtige Punkte, das macht für mich das Gesamtbild aber leider kein bisschen besser. Natürlich ist das Phänomen irgendwie auch nur ein Spiegel unserer Gesellschaft, die halt trotz der vielen Errungenschaften der Feministenvorkämpfer noch von einer männlichen Sicht dominiert wird. Und ich weigere mich die Ursache darin zu sehen, dass wir Frauen irgendwie uninteressanter oder sogar weniger klug wären.

    Das die hier von mir aufgeührten Cable-Sender gerade die sind, die klar in Richtung eines männlichen Publikums abgezielt sind, ist mir natürlich vollkommen klar, aber es geht ja eben darum, dass man doch nicht immer nur Geschichten von seiner eigenen Sichtweise aus sehen will. Wenn es 2 bis 3 Sender gäbe, die Stoffe für Frauen auf einem ähnlichem Niveau produzieren würden, würde ich mich ja gar nicht beschweren, aber die reinen Frauensender bringen dann ja eher Back- und Kochshows. Vielleicht liegt es aber auch ein wenig an der begrenzten Betrachtungsweise, TNT ist ja doch wesentlich mehr in die Frauenrichtung orientiert (mit „The Closer“ usw.) aber ob diese Serien nur nicht genug von der Onlinepresse begleitet werden, oder eher auf einem USA-Network-Belanglosigkeitsniveau verharren, kann ich auch gerade nicht zu 100% einschätzen.

    “True Blood” scheint mir da momentan die einzige richtige Ausnahme zu sein. (Und war AMC anfangs nicht auch eher eine Art “Altherrensender”, auf dem ein Haufen alter Westernfilme liefen?)

    Ja, und dann bitte noch reine Schundliteratur mit einem Vampiranteil. *nerv* Naja, wems gefällt. Und ja, AMC war bis zu MM ein Filmsender, mit hohem Westernanteil und MM wird ja auch ganz gezielt für die Gruppe der männlichen, reichen Zuschauer ab Mitte 30 beworben.

    @Männlichkeit als Thema der vielen großartigen Serien
    Da kann ich mich dir absolut anschließen, und ich liebe diese Serien ja zum großen Teil auch tief und innig. Aber gäbe es nicht auch unzählige Settings, Vorgaben, Möglichkeiten einer solchen Serie eben rund um ein spezifisches Frauenumfeld? Jetzt einfach mal gesagt, eine moderne Journalistin (ich denke da auch ein wenig an „The Hour“), eine Politikerin wie Hilary Clinton, es ist doch nicht so dass die Stoffe nicht vorhanden wären. oder eine Serie mit einem Charakter wie Mags Bennett in „Justified“ im Zentrum, wenn man was fürs Crime-Genre benötigt. Aber eben nicht als 1-Staffel-Phänomen sondern als Anker. Und um dein Argument auch nochmal aufzugreifen, offensichtlich sind due Nuancen der Männlichkeit und alles was dazugehört ja aktuell ganz gut vertreten und werden in ihren Stärken und Schwächen doch gut beleuchtet. Wäre doch mal Zeit für was Neues😉

    Es ist wie do schon sagst, so ein wenig wie die Frage nach dem Huhn oder dem Ei, aber ich weigere mich einfach mich damit zufrieden zugeben. Es ist ja auch durch diese kulturellen Dinge ein Bild, was wir über uns als Gesellschaft und über uns als Frauen in der Gesellschaft weitergeben.

    @”Wir Frauen sind doch auch offen für viele Themen, die nicht in unserem angeblichen Interessengebiet liegen.”
    Wobei zumindest wir beide vielleicht auch nicht gerade die typische Durchschnittsfrau repräsentieren, oder?😉 Von daher… wäre ich mir da gar nicht so sicher. Würde mich zumindest sehr wundern, wenn die HBO-Abonnenten nicht mehrheitlich männlich wären.

    Aber bei den Männern gibt es doch auch genügend dummes Brot, die sich nur hirnlosen Actionmist mit dicken Titten angucken. Ich denke da ist doch die Quote zwischen den intellektuellen und den eher leicht zu unterhaltenden auch nicht anders. Aber wenn es klar an Frauen gerichtet ist, wird doch mindestens die Hälfte des IQs von vornerhein abgezogen und das ist eine Sache, da könnt ich immer wieder nur mit dem Kopf gegen die Wand hauen. Das ist so wie mit meinem Lieblingsbeispiel, der Frauenabteilung in Buchläden, wo man irgendwelche pastellfarbenen Liebeschmöker ohne Hirn angedreht bekommt. Schlimm und für mich einfach nicht akzeptabel. Womit wir natürlich wieder bei der Frage sind, was das größere Überl ist, dieses diskriminierende Marketing oder die, die sich davon ködern lassen.😉

    Und wenn ich jetzt noch irgendwo ein Zeitfenster hätte, hätte ich glatt Lust auf Damages bekommen. Irgendwann in 2013 dann also.😉

  3. moo talaei (@mootalaei) on

    @“Wenn es 2 bis 3 Sender gäbe, die Stoffe für Frauen auf einem ähnlichem Niveau produzieren würden, würde ich mich ja gar nicht beschweren, aber die reinen Frauensender bringen dann ja eher Back- und Kochshows.“
    Denke deswegen auch, dass wir unseren „Feministinnen-Frust“ weniger an HBO & Co. auslassen sollten, als an den anspruchslosen Frauensendern bzw. -Serien.😉

    @“Aber gäbe es nicht auch unzählige Settings, Vorgaben, Möglichkeiten einer solchen Serie eben rund um ein spezifisches Frauenumfeld? Jetzt einfach mal gesagt, eine moderne Journalistin (ich denke da auch ein wenig an “The Hour”), eine Politikerin wie Hilary Clinton, es ist doch nicht so dass die Stoffe nicht vorhanden wären.“
    Sowas à la „Borgen“? Stoff gäbe es sicherlich genug (ist nicht letztens sogar irgendeine schlechte Sarah Palin-Serie angelaufen?), aber da müsste halt echt einfach mal ein Kabelsender Mumm zeigen und den Anfang machen. Und so lange es für sie mit den „Männerserien“ so gut läuft, gibt’s dazu halt keinen wirklichen Anlass. Hast du eigentlich „Enlightened“ gesehen? Soll ja eigentlich auch eher Richtung Drama als Comedy gehen, oder?

    @“Aber bei den Männern gibt es doch auch genügend dummes Brot, die sich nur hirnlosen Actionmist mit dicken Titten angucken.“
    Sicherlich, aber diese Männer gucken dann eben trotzdem Sachen wie die Sopranos, Breaking Bad oder Boardwalk Empire, weil da halt viel Blut fließt und/oder geflucht und gevögelt wird, was das Zeug hält. Denke, das ist einer der Gründe, weshalb die Serien so erfolgreich waren, weil sie eben auf mehreren Ebenen funktionieren: als simple Unterhaltung für den primitiven männlichen Zuschauer, aber eben auch als zum Nachdenken anregende TV-Nahrung für das anspruchsvollere, intelligentere (und aus beiden Geschlechtern bestehende) Publikum.

    @“Aber wenn es klar an Frauen gerichtet ist, wird doch mindestens die Hälfte des IQs von vornerhein abgezogen und das ist eine Sache, da könnt ich immer wieder nur mit dem Kopf gegen die Wand hauen.“
    Wobei ich den IQ-Abzug eigentlich nicht zwangsläufig an der Zielgruppe festmachen würde, sondern wirklich eher am Sender. Ich mein, sind die an Männer gerichteten Network-Serien wirklich so viel besser wie die vermeintlichen Frauenformate? Und nur weil HBO und Konsorten keine Frauenserien produzieren, heißt das ja nicht, dass sie es nicht könnten. Sie wollen halt offensichtlich bloß nicht. (Was die ganze Sache nur noch frustrierender macht, ich weiß.😉 )

    @“Womit wir natürlich wieder bei der Frage sind, was das größere Überl ist, dieses diskriminierende Marketing oder die, die sich davon ködern lassen.“
    Ich würde die Mädels in meinem Umfeld manchmal auch am liebsten alle erwürgen, wenn sie mir mal wieder vorschwärmen wie toll „Grey’s Anatomy“, „Private Practice“ und „Desperate Housewives“ doch sind. Eben weil sie eigentlich alle genug Grips und Geschmack haben, um „Mad Men“ zu mögen, aber sich halt doch von sixx und Pro7 um den Finger wickeln lassen.

    @“Und wenn ich jetzt noch irgendwo ein Zeitfenster hätte, hätte ich glatt Lust auf Damages bekommen.“
    Guck lieber „Treme“, da hast du gleich vier tolle Frauenfiguren. Wenn das keine Ensemble-Serie wäre, wär’s definitiv eher ne Frauen- als ne Männerserie.

  4. tvaddictfromgermany on

    Nur noch kurz zwei Dinge nachgetragen:

    @Enlightened
    Hab ich nicht gesehen, hole ich aber bestimmt irgendwann nach. Nicht zu letzt weil neben Laura Dern auch die Chara ihrer Mutter genial sein soll, und ältere Frauen gibt es ja eh viel zu wenige im TV. Dabei sind solche Damen wie Diane Lockhart, Laura Roslin, Emily Gilmore so oft das Salz in der Suppe.

    @Treme
    Ist gleich nach „Luck“ dran, hab da gerade richtig, richtig Lust drauf.🙂


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