Deadwood: „The Trial of Jack McCall“ & „The Plague“

Bei aller Liebe für die Anfangsphase von „Deadwood“, und ich mochte die ersten vier Episoden wirklich sehr, sehr gerne, aber so richtig ins Herz geschlossen habe ich die Serie doch dann erst jetzt mit diesen beiden Episode, die nach dem Tod von Wild Bill Hickock spielen. Vielleicht sehe ich das auch etwas verklärt, schließlich ließt man an allen Ecken und Enden, dass die landläufige HBO-Serie so um Folge vier herum richtig an Fahrt gewinnt und dass „Deadwood“ mit dem Thema der Bildung einer Gemeinschaft eng verbunden ist, aber ich denke doch für mich manifestiert sich dies darin, dass hier die vielen kleinen Details beginnen eine zutiefst menschliche und warme Atmosphäre schaffen.

Die beiden großen Ereignisse, denen Deadwood als sich bildende Gemeinschaft gegenübersteht, sind der Prozess gegen Jack McCall und der Ausbruch der Pockenepidemie. Und gerade an diesen beiden Vorgängen, die die Stadt in allen Belangen beeinflusst, merkt man wunderbar, wie sich diese entwickelt und sozusagen an ihren Aufgaben wächst. Stellvertretend für Deadwood fungiert hier für mich Al Swearengen, der im Rahmen des Prozessen fast nur die Wirkung dessen nach Außen im Blick hat und das Ganze so arrangiert, dass man möglichst ohne viel Aufsehen aus dem Schlamassel kommt, als es dann um die Epidemie geht, ist er aber doch einen Schritt weiter und denkt an das Wohl der Gemeinde. Al ist eine durch und durch zwielichtige Gestalt, ebenso wie Deadwood aus zwielichtigen Gründen entstanden ist, aber er ist dennoch ein Mensch und trägt eben auch rein humane Züge in sich.

Es ist mittlerweile ein altes Klischee, dass die ach so bösen Antagonisten einer Serie bald mit menschlichen Zügen ausgestattet und somit mit der Zeit als eigentlich gute Kerle dargestellt werden. Für mich gelingt hier aber der Spagat, diesen Prozess durchzuführen, ohne den Biss der Figur zu verlieren sehr gut. Das liegt sicher auch daran, dass man mit Cy Tolliver nun jemanden hat, den man weiterhin skrupellos sein lassen kann, aber auch dadurch, dass Al wenn es um seine eigenen Interessen geht kein bisschen von seiner Gefährlichkeit verloren hat. Man muss nur sehen, was er mit Alma Garrett vorhat und wie er Trixie in ihrer Rolle versucht zu manipulieren. Dennoch finde ich es faszinierend, hier die menschlichen Seiten von Al zu sehen, sei es mit der verängstigten Hure oder mit dem Reverend. Am beeindruckendsten finde ich aber, wie schnell und effektiv er in den Krisenmanagment-Modus umschaltet und einfach das in die Wege leitet, was nötig ist. Mal ganz abgesehen davon, dass ich diese Sitzungen, ihre Zustandekommen und ihre Auswirkungen einfach nur wahnsinnig amüsant finde. Die kleine Anekdote am Rande des Geschehens, rund um Johnnys Verwirrung bezüglich der geforderten Früchte, ist eines dieser Details, die dem ganzen einfach Leben einhauchen und den Zuschauer großartig unterhalten. Auch die Situation rund um den Zeitungsartikel ist einfach großes Kino, in der ich aus dem Grinsen nicht mehr herauskam. Durch diese kleinen Dinge wurde der doch eher tragischen Situation eine Leichtigkeit eingehaucht, die das Zuschauen zum puren Vergnügen machen.

Wenn ich einen Kritikpunkt an diesen beiden Folgen habe, dann ist es der, dass der Prozess für mich nicht viel Sinn ergibt. Man versucht zwar klarzumachen, wie es kam dass Jack McCall freigesprochen und laufen gelassen wurde (was natürlich den realen Gegebenheiten entspricht), aber das ganze klickt bei mir nicht so richtig. Da kann ich mich noch so sehr über Dan und Al in bester Waldorf-und-Statler-Manier amüsieren, dabei fehlt mit einfach der letzte Funken Überzeugung. Anders sah es da schon rund um die Beerdigung Hickocks aus. Ich mag die Art und Weise, wie uns Reverend Smith präsentiert wird. Er ist so gefangen in seinem Glauben, so überzeugt davon und so fern von jeglichem Realismus. Und Bullock beispielsweise tut sich damit ebenso schwer, wie ich es wahrscheinlich tun würde. Aber dennoch ist der Reverend zutiefst sympathisch und mit einer Würde ausgestattet, aber ohne dass seine Spiritualität erklärt oder gerechtfertigt wird. Ich weiß es wirklich zu schätzen, dass man mir als Atheisten keine religiöse Weltsicht aufdrängen will, man diese aber mit einem hohen Grad an Respekt präsentiert.

Ich kann den Part der Folge und ihre tiefere Bedeutung nicht besser zusammenfassen, als dies Alan Sepinwall getan hat und stelle deshalb nur dieses Zitat dazu an diese Stelle:

The most important passage in all of „Deadwood“ appears in this episode, and it features language that David Milch didn’t write. The scene is the funeral of Wild Bill Hickok, and the passage is the Reverend Smith’s quoting of St. Paul’s epistles to the Corinthians – specifically, the section about how all a body’s parts are of the body, and are necessary to make it function. Seth regards it as gibberish, in part because Smith’s bearing seems increasingly manic (though it’s more the result of whatever causes him to suffer a seizure in his tent after the funeral), but mainly because he doesn’t want to hear what the passage – what „Deadwood“ itself – is all about.

This show is about the formation of a community, and a community, like a body, requires its many parts to work together in order to function. When we entered the series, Deadwood was not a community, but a collection of loners pursuing separate agendas (or, in the case of the staff at the Gem, a small collective furthering the agenda of one individual against everyone else). And that’s fine for an outlaw, illegal mining camp, but not for what Al and Cy and everyone else hopes will eventually become an annexed part of the United States. Sooner or later, the foot’s going to have to learn to work with the knee, the eye with the ear, and all the parts together – not all the time, but often enough for the body that is Deadwood to work as a whole.

Interessant ist auch, was Jim Beaver über David Milch in den Kommentaren erwähnt, dass Milch diese Bibelstelle auch im echten Leben ständig zitiert und auf viele Aspekte des Lebens anwendet.

Ein weiteres Highlight dieser Phase der Serie ist für mich die Freundschaft zwischen Alma und Trixie. Letztere gewinnt dadurch einiges an Tiefe, denn ihre Bereitschaft Alma zu helfen, trotz der drohenden Konsequenzen von Seiten Als, lässt einen doch tief über das Leben dieser Frau und ihrer festzementierten Stellung in der Gesellschaft nachdenken. Das gerade sie, die theoretisch keinerlei offenen eigenen Willen haben kann und keinerlei Zukunftsperspektiven in Aussicht hat, Alma hilft, wo die doch zumindest im Zuge der damaligen Zeit wesentlich freier und eben auch gebildeter ist, fasziniert mich. Ebenso ergreifend ist Doc Cochran, der gerade Jane, die es doch selbst viel besser wissen müsste, klar macht, dass sie keine Vorurteile gegenüber Trixie hegen solle, nur weil die eine Hure ist. Es passiert handlungstechnisch nicht viel rund um diese so verschiedenen Frauen, aber einfach nur ihrem Schicksal zuzusehen bringt einem doch die Ausmaße dessen, eine Frau in solch männerdominierten Zeiten zu sein um einiges näher.

Und nun habe ich über 1000 Wörter geschrieben und Seth Bullock nur am Rande erwähnt? Ist dies nun eine Schwäche oder eine Art Zeichen? Ich weiß es nicht so genau, ich mag Timothy Olyphant, auch über seine offensichtlichen Attribute hinaus und ich glaube an seine Rolle im Gefüge der Serie, aber viel habe ich über ihn hier nicht zu sagen. Einzig bei seinem Kampf um Leben und Tod war ich doch getroffen von dem Gedanken, dass es gar nicht so lange her ist, dass der Mensch wirklich töten musste um zu Überleben. Ein beklemmender Gedanke. Es würde mich aber interessieren, wie andere Bullocks Rolle in der Geschichte empfinden. Und natürlich, ob ich allein dabei bin, dass ich mich bei jeder Erwähnung der Früchte/Pfirsiche wegschmeißen könnte vor Lachen.

2 comments so far

  1. moo talaei (@mootalaei) on

    @Grins-Momente:
    „The Trial…“ hab ich schon vor paar Wochen gesehen und kann mich dementsprechend nicht mehr an alle Einzelheiten erinnern. Weiß aber noch, dass ich mich königlich amüsiert habe, als Bullock sich völlig außer sich über die Freisprechung bei Sol über die von Sepinwall zitierte Rede des Reverends lustig machte. Musste echt sogar ein, zwei Mal zurückspulen, weil ich die Szene so geil fand.😀 (Ach ja, und die Nummer mit dem Blowjob! „I wasn’t offering it personally.“ Hilarious.) Bin allgemein angenehm überrascht, dass trotz eher schwerwiegenden Themen doch immer wieder so viel Humor durchscheint. Mit anderen Worten: Nein, du bist nicht die Einzige, ich hatte auch immer ein ganz fettes Grinsen im Gesicht, sobald jemand das Wort „fruit“ in den Mund genommen hat. Auch wenn (bzw. wahrscheinlich eher gerade weil) ich nicht 100%ig kapiert habe, was das eigentlich sollte. War das einfach nur Als Vorstellung von Gastfreundschaft? Oder stärkt Obst irgendwie das Immunsystem gegen Pocken?

    @Reverend:
    Da denkt man (ich zumindest) und wundert sich noch, dass ausgerechnet der Reverend sich als nächstes ansteckt und dann hat seine von Sol bemerkte Blässe und der Anfall Ende #1.05 offenbar eine völlig andere Ursache. Oder äußert sich die Krankheit bei ihm bloß anders? Wär ja sonst schon irgendwie komisch, dass seine epileptischen Anfälle genau dann anfangen, als im Camp die Pest ausbricht. Jedenfalls hochinteressant, wie die restlichen Männer bei Als get-together allesamt reagieren.

    @der menschliche(re) Al:
    Bei der einen Hure würde ich dir Recht geben, da kam für mich echt zum ersten Mal ein etwas weicherer, gnädigerer Swearengen durch. Was seine Sorge um das „Wohl der Gemeinde“ angeht, so hat die für mich (zumindest bislang) eigentlich weniger mit Menschlichkeit zu tun, als vielmehr damit, dass sein eigenes Wohl eben auch sehr stark vom Wohl der Gemeinde abhält. Von daher denke ich nicht, dass er da so schnell und wohlüberlegt handelt, weil er einfach bloß verhindern will, dass noch mehr Leute erkranken und wegsterben, sondern weil er verhindern will, dass noch mehr Kunden(!) sterben und weil er weiß, dass mit der Pest eben auch die große Panik ausbrechen könnte, die nicht nur dem Camp, sondern eben auch seinem Lokal sehr schaden könnte. Ich seh da also noch keine wirklich großartige Entwicklung in Richtung „good guy“, sondern denke eher, dass seine eigenen Interessen in dem Fall eben zufällig auch mit denen des Allgemeinwohls einhergehen.

    @Prozess:
    Ich hab das einfach so aufgefasst, dass er freigesprochen wurde, weil er (zumindest laut Urteil der Jury) keinen kaltblütigen Mord begangen hat, sondern eben „nur“ Selbstjustiz geübt hat. Und die war zu der Zeit eben nicht strafbar bzw. wurde nicht als strafwürdig erachtet. Ist jetzt vielleicht ein blödes Beispiel, aber den Typen, der den Indianerkopf ins Camp gebracht hat, wird ja schließlich auch keiner an den Pranger stellen, oder?😉 Wobei ich dir insofern Recht geben würde, dass es schon ein bisschen seltsam war, dass die Jury McCall einfach so (und so schnell) geglaubt hat. Aber hatte da indirekt nicht auch Al irgendwie seine Finger im Spiel? Kann mich an die Folge wie gesagt nicht mehr so genau erinnern, aber er wollte doch unbedingt, dass McCall freigesprochen wird, oder nicht?

    @Frauen:
    Da kann ich mich bloß anschließen. Toll, dass Trixie hier mehr Profil bekommt, und Alma ihr gleich so blind vertraut, obwohl sie weiß, dass sie eine Hure ist, die für Al arbeitet. Mein Favorite bleibt aber Jane, finde die Frau mit ihrer möchtegern-Fassade einfach nur zum Knutschen.

    @Bullock:
    Finde den persönlich immer noch am uninteressantesten, wobei ich nicht weiß, ob’s an der Figur liegt oder an Timothy Olyphant. Was seine „offensichtlichen Attribute“ (:mrgreen:) angeht, muss ich zugeben, dass die mich schon im Allgemeinen, hier aber auch im Besonderen nicht wirklich ansprechen, während es dafür mittlerweile schon so einige Szenen gab, in denen ich Al (:oops:) wirklich höllisch attraktiv fand. Kann aber nicht so ganz festmachen, woran das genau liegt.

  2. moo talaei (@mootalaei) on

    Note to self: Smilies nicht in Klammern setzen.


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