Marathons oder Einzeletappen, welcher Serientyp bis du?

Die TV-Newslage ist momentan eher dürftig und beim Gedanken daran, kann ich mir die ein oder andere LANGWEILIG – Bemerkung nicht verkneifen (zumal diese Phrase in unserem Haushalt momentan auch mal wieder überpräsent ist), aber zum Glück ist auf Leute wie Todd VanDerWerff Verlass, in solch eine laue Phase Themen zum Austauschen hineinzuwerfen. Denn der veröffentlichte just heute einen Artikel namens In defense of slow TV (wieder einmal mit einer großartigen Diskussion unter den AV-Club-Nutzern darunter), der mir in vielen Aspekten weitestgehend aus der Seele spricht.

Wie viele andere auch, habe ich einige Serien als Marathonprojekte verschlungen. Die Kombination aus zwei kurz nacheinander folgenden Mutterschaftspausen und dem Gefühl, ganz viel klassisches Serienwissen schnell aufholen zu müssen, um wirklich beim Thema mitreden zu können, hat dies dann noch einmal enorm begünstigt und das Verfahren, Serien in dicken Batzen mit ganz vielen Episoden hintereinander anzuschauen, hat natürlich einige Vorteile. Der größte wäre natürlich der Zeitfaktor, aber trotzdem tendiere ich mittlerweile doch immer mehr dazu, mir für eine Serie lieber mehr Zeit zu nehmen, die Wirkung einzelner Episoden richtig sacken zu lassen und dadurch auch die Möglichkeit zu schaffen, näher über das Gesehene nachzudenken. Todds Worte dazu sind:

Certainly TV on DVD—or on Netflix or Hulu—is a new enough phenomenon that I couldn’t imagine my first experience with, say, Breaking Bad having come from watching the whole series in a few sittings. If you watch TV primarily for plot momentum and narrative acceleration then, sure, watching on DVD or Netflix is probably the way to go. Breaking Bad, which has always been somewhat of a slow-moving show when watched week to week, takes on the sheen of a high-stakes thriller when watched in this fashion, with unpredictable twists and turns and unexpected bursts of violence. But where watching week-to-week gives these moments the shock of violence intruding on real life and lends what’s a fundamentally pulpy show a gloss of “realism,” watching the series in a giant chunk could overemphasize these elements, turning character moments into the stuff that happens between the good parts, instead of the engine that keeps the story turning.

Ich kann dem nur vollkommen zustimmen und eben besonders bei den anspruchsvollen Serien, während die Popcorn-Kategorie durchaus auch gut im Marathon funktioniert, eben auch, weil einzelne Fehler und Schwächen dann nicht so auffallen. Ein Kommentar unter dem Artikel bringt dieses Phänomen sehr schön auf den Punkt:

Marathoning shows at a fast pace on DVD makes me tolerate mediocre shows and also prevents me from truly appreciating excellent shows.

Für mich bedeutet es, eine Serie wie beispielsweise „Deadwood“ voll zu genießen, den einzelnen Episoden wirklich Raum zu geben und eben so auch hinter die verschiedenen Schichten, die hinter den offensichtlichen Dingen wie der Handlung und Charakterentwicklungen liegen, eine Chance zum Entfalten zu geben. Oder um es etwas krasser (und provokativer) auszudrücken:

i think whether you like the slow pace of tv depends on whether you like thinking about tv.  i imagine some people never think about what they watched after it is over.  But of course we here on these comment boards obsess over details and themes of tv episodes.

Da ist auf jeden Fall einiges dran, ich mag auch nicht bei jeder Serie stundenlang über das Gesehene nachdenken. Aber gerade VanDerWerffs Paradebeispiel „Mad Men“ profitiert eneorm davon, wenn man der Serie Zeit und Raum zum atmen gibt. Eeben auch, weil hier die reine Handlung nicht das entscheidende ist. Ich will damit nicht sagen, dass die Geschichte unwichtig wird, aber die Serie zieht einfach aus ihren vielen Schichten für mich so einen unheimlichen hohen Unterhaltungswert, dass keine andere da mit halten kann.

Meine Tendenz, den wirklich guten Serien auch Raum und Zeit zu geben, hat natürlich auch Nachteile, ich hänge im Kanon der Großen immer noch heillos hinterher, und werde diese Lücke wohl so nicht so schnell aufschließen. Aber in meinem Seriengedächtnis gibt es nur wenig befriedigendere Erinnerungen, als das langsame gemeinsam Entdecken von „Carvivàle“, oder die ausgeklügelte Entfaltung der 4. Staffel „Mad Men“. Und auch eine Serie wie „Lost“, die am Ende mächtig den Faden verloren hat und deren letzte Staffel bei mir einen enorm faden Geschmack hinterließ (wohlgemerkt die letzte Staffel, denn mein persönliches Problem liegt weniger beim Finale als solches, sondern in der gesamten 6. Staffel) hat in der Retrospektive dennoch einen hohen Wert, denn auf dem Felde des Unterhaltungswerts einzelner Episode hatte die Serie einfach eine unheimlich hohe Trefferdichte. Man kann die Tatsache, dass TV (in den allermeisten Fällen) ein wöchentliches Medium ist, nicht außen vor lassen. Es gibt zwar immer wieder einzelne Beispiele, in denen die staffelhafte Struktur einer Serie der entscheidende Faktor sind und dies kein Zeichen von mangelnder Qualitär ist (David Simon sagt immer gerne über seine Serien, dass sie als solche konzipiert sind), aber für die meisten trifft aus meiner Sicht doch zu, wenn sie über einen normalen, wöchentlichen Rhytmus ihre Faszination nicht halten können, dann ist die Serie entweder nicht gut genug, oder man ist als Zuschauer nicht in der Lage, deren Qualitäten zu schätzen.

Um diesen kleinen Ausschweif gebürhend abzuschließen, lasse ich noch einmal Todd (über „Mad Men“ und die Vorteile des lansgamen Konsums) zu Wort kommen:

(you) allowed yourself plenty of time to savor the things the show does with slow-motion character and plot development, or with using historical trappings as exquisite background detail. But above all, you’ll be preserving one of the best things about televised storytelling: the episode.

 

1 comment so far

  1. moo talaei on

    Hab grad nicht den Kopf frei, um mir zu dem Thema wirklich Gedanken zu machen, aber ich werf mal einen Kommentar von Sepinwall zu einer meiner absoluten Lieblingsszenen aus „Treme“ ein, weil ich da direkt daran denken musste:

    „I watch a scene like the one where Delmond shows Albert what he sewed, and I don’t much need some intricate story arc, thank you very much. That scene represents everything that’s great about both the patient David Simon storytelling model in general and the way it’s used on „Treme“ (here by writers Tom Piazza and Eric Overmyer and director Roxann Biggs) in particular. To an irregular viewer, it doesn’t seem like much: Delmond shows his dad what he’s been working on […] But for those of us who have been watching the slow burn of this relationship for the last year and a half […] it’s one hell of a moment. The gestures and emotions on display from both men are so small (I especially liked the half-smile Clarke Peters allows Albert as Delmond insists that he’s been sewing and is just slow), but the build up to it magnifies everything so that the scene feels far more powerful than a more overtly emotional scene on a drama with a more traditional pacing.“


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