Deadwood: Reconnoitering the Rim & Here Was a Man

Es war so nicht geplant, aber ich habe mich nach dem Schauen der 3. Episode von „Deadwood“ dazu entschieden, diese erst gemeinsam mit der denkwürdigen „Here Was a Man“-Folge zu behandeln, die für die Serie einen ersten absoluten Höhe- aber auch Wendepunkt darstellt. Es fiel mir einerseits, unheimlich schwer die Ereignisse davor ohne das Ziel, auf was sie unweigerlich hinsteuern zu betrachten und vor allem spoilerfrei auf diese einzugehen.

Denn all die Dinge, die hier passieren, die Ankunft der Bella-Union-Fraktion, Brom Garretts Dahinscheiden, die letzte Annäherung zwischen Montana und Bill, sie alle führen unweigerlich zu dieser letzten genialen Schlussmontage in „Here Was a Man“, die wie die Geschichte berichtet, viele anfängliche Zweifel endgültig zu „Deadwood“-Fans gemacht hat.

Zudem habe ich das Gefühl, dass auch thematisch beide Episoden eng miteinander verbunden sind. Das Ringen von Al, sich trotz seiner Instinkte und seiner ersten Impulse dazu hinzuwenden, nicht gleich jeden der ihm die Pläne durchkreuzt den Schweinen zum Fraß vorzuwerfen, aber auch Bills Todessehnsucht oder sagen wir Lebensmüdigkeit zieht sich doch wie ein roter Faden durch beide Folgen.

Ich finde es jedenfalls hoch interessant, wie das Auftauchen des zweiten Saloons Al dazu zwingt, neue Methoden anzuwenden und sich nun mehr als Verteidiger der Grundwerte von Deadwood zu sehen, als nur seinen eigenen Interessen verpflichtet. Auch ist der Gegensatz der beiden Etablissements hochinteressant, wobei noch nicht ganz klar ist, wer der größere Hurensack darstellt, Al oder Cy.

Einer meiner liebsten Elemente dieser beiden Episoden ist die kleine Nebenhandlung rund um Dan und Ellswort. Es beginnt mit dem Monolog Ellsworths seinen neuem Hund gegenüber (der übrigens vorher Tim Driscoll gehörte) und endet mit deren langer Szene im Gem, nachdem Ellsworth Dan zu verstehen gegeben hat, was er beobachtete. Aber dominiert wird das Ganze natürlich von Bill Hickock, seinem bevorstehenden Schicksal und wie es dazu kommt. Wir bekommen ein gutes Gefühl dafür, wie wenig der sich wohl in seiner Haut fühlt, wie wenig er mit seinem Ruhm anfangen kann (sehr verständlich, wenn man sieht wie seine „Fans“ so mit ihm umgehen) und er hat offensichtlich die Nase voll davon, irgendwelchen höheren Ehreansprüchen zu genügen. Das wird in seinem letzten Dialog mit Charlie Utter noch einmal mehr als deutlich, anderseits ist er sofort bereit der Witwe Garrett zu helfen. Es wird absolut deutlich, wie er zu seinem Ruf kam und wie er diesen als Bürde empfindet. Keith Carradine war offensichtlich nur vier Episoden Teil des Casts von „Deadwood“, aber er hat die Serie dennoch nachhaltig geprägt und mit dem Dahinscheiden von Bill Hickock werden diverse Ereignisse iin Gang gesetzt, die die Zukunft des Camps beinflussen.

Parallel zu Bill Hickocks Schwanengesang erleben wir das Erwachen von Alma aus ihrem Drogensumpf, aus der Ehe die unter ihrer Würde war (ich frag mich hier immer, warum Alma ihren Mann so sehr missachtete? Weil er so offensichtlich ein Trottel war? Weil er ihr als Mann aber dennoch immer seine Überlegenheit zeigen musste? Weil er sie ernsthaft schlecht behandelte? Was meint ihr dazu?). Man beginnt langsam das Temperament und auch die Intelligenz dieser Frau zu erahnen,  auch wenn sie ihre Wut zunächst an Doc Cochran auslässt, der aus seiner Sicht ihr eigentlich nur einen Gefallen tun wollte. Aber wie es im Leben manchmal so ist, solche Missverständnissse zwischen den Menschen sind üblich, wenigstens findet sie in Jane eine Art Freundin.

Aber man kann natürlich diese beiden Episode nicht besprechen, ohne die beiden genialen Szenen die darin enthalten sind zu erwähnen: Zunächst Bill Hickocks Listen to the Thunder Rede, die einem einfach einen Schauer über den Rücken jagt und die geniale Schlussmontage, die sich sofort in mein Langzeitseriengedächtnis eingebrannt hat.  Großartige Szenen in einer genialen Episode, die ich zu meinen All-Time-Favorites zähle.

Noch ein paar Gedanken in Stichpunktform zum Schluss:

  • Al erwähnt zum ersten Mal die Hoople-Heads in Episode 3, eine Formulierung die mir wohl immer ein Grinsen übers Gesicht zaubern kann.
  • Hui, da ist ja David Lee bzw. Zach Grenier als kranker Kumpane der Bella Union Truppe zu sehen, ein Detail was mir beim ersten Schauen vollkommen entgangen ist.
  • Der Zusammenhang zwischen Keith Carradine, Garret Dillahunt und seiner Tochter Martha Plimpton gewinnt hier gleich mal noch eine zusätzliche Ebene.
  • Ich muss sagen, beim zweiten Schauen weiß ich E.B.s Wieselhaftigkeit durchaus früher zu schätzen, als noch beim ersten Mal. Er weißt hier doch Al auf einige clevere Dinge hin.
  • Wie immer die abschließenden Links: Alan Sepinwall zu Reconnoitering the Rim und zu Here Was a Man (und hier bitte unbedingt den Kommetar dazu von Jim Beaver lesen, der eine grandiose Annekdote über David Milch zum besten gibt) und Todd VanDerWerff zu den ersten drei Folgen der Serie, und ich habe Alyssa Rosenbergs Post zu den ersten beiden Folgen vergessen, was hiermit nachgeholt ist und natürlich noch der Link zu den hier behandelten Episoden umfassen muss.

Soviel erstmal von mir zu diesen beiden denkwürdigen Episoden von „Deadwood“. Ich habe sicher noch einige Gedanken dazu, die man dann in den Kommentaren ja ausführlich ansprechen kann.

1 comment so far

  1. moo talaei (@mootalaei) on

    So, auch endlich gesehen. War als völliger Deadwood-Ignorant (auch wenn im Nachhinein betrachtet eigentlich sehr deutlich darauf hingearbeitet wurde) überrascht, dass Hickock so schnell aus der Serie scheidet, aber (leider oder doch zum Glück?) nicht allzu schockiert/emotional mitgenommen, nachdem ich ja gerade erst anfing, mich mit ihm und seiner beschissenen Frisur anzufreunden.😉 Und ich hatte mich noch gefragt, weshalb Gillahunt eigentlich so viel Screentime gegönnt wird. Nu weiß ich’s. Sehr groteske Szene am Ende, als sich alle auf ihn stürzen und gleichzeitig dieser Kerl mit dem blutenden Indianerkopf angeritten kommt. Wobei ich mich schon frage, ob die Reaktion der Allgemeinheit nicht sehr viel gleichgültiger ausgefallen wäre, wenn’s jemand anderes getroffen hätte. Bin jedenfalls sehr gespannt, inwiefern Recht und Gerechtigkeit nun in Deadwood Einzug finden und freue mich auf die „Deadwood“-Version von „Pick a Number“.😉

    @Broms Schicksal:
    War irgendwo klar, dass der nicht lange überlebt. Und so richtig Mitleid wollte auch nicht aufkommen. Wenn, dann eher für Alma, wobei die ja tatsächlich weniger von seinem Tod selbst angefressen schien als von der Tatsache, dass sie jetzt ganz auf sich allein gestellt ist. Warum sie ihn missachtete? Wahrscheinlich all of the above. Vielleicht auch weil er sie überhaupt erst nach Deadwood geschleppt hat? Schön jedenfalls, dass sie hier etwas mehr Profil bekommt und nicht mehr nur ihre Drogen zu sich nimmt und depressiv aus dem Fenster schielt. (Übrigens ein großartiges Stilmittel, dieses stetige aus dem Fenster hinunter in die Stadt oder rüber zum Nachbarn schauen.)

    @Bella Union:
    Hätte nicht gedacht, dass da so kurz nach dem Piloten gleich nochmal ein ganzer Schwung neuer Charaktere eingeführt wird, bringt aber eindeutig interessantes Konfliktpotential und mit Cy vielleicht auch mal einen etwas ebenbürtigeren Kontrahenten für Al mit sich. Von der Seuche, die Andy (wer ist der Kerl eigentlich?) angeschleppt hat, mal ganz abgesehen…

    Sonstige, definitive Highlights:
    – die mittlerweile wohl tief verschuldete Jane😉 (momentan mit großem Abstand mein MVP)
    – die Ellsworth/Dority-Geschichte, in der auch Trixie etwas mehr Profil zeigen durfte
    – Kim Dickens! (hatte gar nicht auf dem Schirm, dass sie hier mitspielt)
    – die erwähnte Thunder-Szene


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