Deadwood „Deadwood“

Kritiken und Einschätzungen zu Pilotepisoden empfinde ich persönlich immer am schwierigsten, sieht man die Serie zum ersten Mal ist man meist noch damit beschäftigt, die Personen, die Namen und die Verhältnisse der Charaktere untereinander in Beziehung zu stellen und sich selbst ein Gefühl davon zu machen, wie die Stimmung, der Ton und die Art und Weise der Handlung aussehen wird. Aber selbst wenn man die Serie bereits (zumindest teilweise) gesehen hat, wird das Bild einer solchen ersten Folge ja oft geprägt von Erfahrungen, die man später mit den Charakteren gemacht hat und es ist wirklich schwer, die Eindrücke allein auf diese eine Episode zu beschränken. Dennoch fällt mir eins nicht schwer zu sagen: dass mich „Deadwood“ gleich von seiner ersten Szene an fasziniert hat und auch beim mittlerweile dritten Sehen dieser speziellen Episode bin ich überzeugt, dass es ein mehr als gelungener Pilot ist.

Das liegt für mich vorallem daran, dass einige der Dinge, die die Serie ausmachen werden, schon deutlich spürbar sind. An erster Stelle steht da für mich das Gefühl, dass Deadwood ein realer, greifbarer Ort, dessen Geographie auch über den Bildschirm transportiert wird. Wenn am Ende dieser Folge Bullock und Wild Bill Hickock den Schurken im Duell erlegen, ist es mehr als spürbar, dass sich alle anderen Geschnisse in unmitelbarer Nähe befinden. Dieses Gefühl, dass Deadwood als Ort ein eigener Charakter ist, durchzieht die Serie und fasziniert mich immer wieder.

Wie immer in einer ersten Folge einer Serie, lernen wir die verschiedenen Charaktere kennen. Da wären zum ersten der ehemalige Sheriff Seth Bullock  und der jüdische Geschäftsmann Sol Star, die nach Deadwood kommen um einen Krämerladen zu eröffnen. Unseren ersten Blick werfen wir auf Seth Bullock aber, als er noch in Montana als Sheriff fungiert und dort als letzte Amtshandlung einen Viehdieb vor dem Lynchmob durch eine improvisierte Hinrichtung bewahrt. Es ist ein denkwürdiger Einstieg, dem man Bullock hier bereitet und auch wenn Timothy Olyphant im späteren Verlauf oft von Ian McShane überstrahlt wird, seine Art den lakonischen Ex-Sheriff mit all seinen Stärken und Schwächen darzustellen, ist dennoch eine tragende Säule für den Erfolg der Serie.

In Deadwood fungiert der Bordellbesitzer Al Swearengen, mitsamt seinen Handlanger wie Dan Dority und seinen Huren als Ortsvorsteher, auch wenn Deadwood einen solchen nicht wirklich hat. Dabei macht er seine eigenen Gesetze und hat sich ein kleines, funktionierendes Ökosystem (samt einfallsreicher Leichenbeseitigung durch die Schweine des Chinesen Mr. Wu) aufgebaut. Der Betrug, den er hier mit dem naiven New Yorker Brom Garrett, abzieht, kann nur in einer Umgebung, die ganz von ihm bestimmt ist, so funktionieren.  Und auch seine Beziehung zu seiner „Lieblingsnutte“  Trixie ist von äußerst zwiespältiger Natur.

Die dritte Fraktion bildet die Westernlegende Wild Bill Hickock und dessen Gefolge, bestehend aus seinem Freund Charlie Utter und Calamity Jane. Sie erreichen Deadwood am selben Tag wie Bullock und sorgen, aufgrund des ihnen vorrauseilenden Rufs für Aufsehen. Al fühlt sich von der Anwesenheit eines solchen Revolverhelden bedroht, die meisten sind fasziniert von den Star-Appeal, wie man das heute so schön sagen würde. Die Handlung wird durch den Überfall auf die skandinavische Familie, angeblich von Indianern, in Gang gesetzt und bringt Bill Hickock und Seth Bullock zusammen. Dadurch wird Bill Hickock aus seiner Lethargie, genährt von Whiskey und Kartenspielen, gerissen und seine Präsenz und sein Charsima wird sichtbar. All dies kulminiert in der angesprochenen Szene auf den Straßen vor dem Gem und dem Grand Central Hotel, in dem Dan Dority gerade für das freie Zimmer für Bill Hickock gesorgt hat.

Wie wir hier alle Charaktere kennenlernen und die ersten Züge der Handlung (wobei die immer weniger wichtig ist, als die Interaktion der Charaktere untereinander und die langsame Bildung der Gesellschaft in Deadwood) sichtbar werden, entfaltet Deadwood seine volle Wirkung auf mich als Zuschauer und auch das kurze Zusammentreffen mit später wichtig werdenden Charaktere wie Alma Garrett, E.B. Furnum, Ellsworth, Reverend Smith und einem meiner Lieblinge Doc Cochran (dessen Untersuchung der Leiche in Trixies Gemächern neben Bullock der denwürdigste Einstieg darstellt) macht Appetit auf mehr.

Für weitere, viel eloquentere Gedanken zu dieser tollen Serie hier noch ein paar Links:

  • Alan Sepinwalls Review ist das Lesen mehr als Wert, der Link führt zur Veterans Edition, ist aber im Text vollkommen spoilerfrei und bei den Kommentaren sollte man zumindest nach denen von Jim Beaver Ausschau halten, der sich diesen Sommer immer wieder die Zeit genommen hat um Sepinwalls Sommerprojekt mit seiner Anwesenheit zu bereichern.
  • Der AV-Club hat die Serie auch bereits einmal komplett durchgenommen, allerdings bezeiht sich dieser Text  auf die ersten drei Folgen. Er ist klar strukturiert, man kann also gut nur alles zu Episode 1 lesen, aber bei den Kommentaren ist natürlich Vorsicht geboten.
  • Alyssa Rosenbergs „Deadwood“-Texte beziehen sich immer auf jeweils zwei Folgen und sind weniger struktieriert, deshalb verlinke ich die dann, wenn wir die 2. Episode besprechen.

Und damit werfe ich die Frage in den Raum, wie hat euch die erste Episode von „Deadwood“ gefallen und wann soll es weitergehen? Mein Vorschlag wäre Ende der Woche, so dass wir zwei Episoden pro Woche abhandeln können.

4 comments so far

  1. moo talaei on

    So, nu endlich.😉

    Ich kann jetzt ehrlich gesagt nicht behaupten, dass ich direkt nach dem Piloten nachvollziehen kann, weshalb die Serie von so vielen als Nonplusultra gehandelt wird, dafür hab ich aber zumindest sofort verstanden, weshalb im Zusammenhang mit der Serie immer Ian McShane in den Himmel gelobt wird. Der hat nämlich wirklich eine ganz krasse „Wilder Westen“-Ausstrahlung (vor allem auch in Stimme und Gestik!), die einem echt das Gefühl gibt, sich gerade irgendeinen uralt-Western-Schinken von vor 100 Jahren oder so anzuschauen. Dementsprechend fand ich auch die Szenen mit ihm allesamt am faszinierendsten, auch wenn ich ehrlich gesagt nicht so 100%ig kapiert habe, was er da genau für Spielchen mit dem Iren und dem New Yorker getrieben hat. Hat er jetzt ersteren bloß gekillt, damit er nicht womöglich auf die Idee kommt, herumzuposaunen, dass Al ihm das (ganze) Geld aus der Tasche gezogen hat? Oder steckte da mehr (bzw. was anderes) dahinter?

    Olyphant und vor allem Carradine wirkten da im direkten Vergleich stellenweise fast schon ein wenig „kostümiert“ auf mich, aber das mag vielleicht auch daran liegen, dass ich die beiden aus anderen Rollen kenne. Und nachdem das gesamte Set eigentlich einen sehr authentischen Eindruck macht, geh ich davon aus, dass auch die beiden sich bald besser in das (optische) Gesamtbild einfügen werden.

    Zur Handlung kann ich momentan noch nicht allzu viel sagen. Bin noch dabei, mir Gesichter, Namen und Funktionen zu merken. Neugierig bin ich aber vor allem auf die Rollen der Frauen in „Deadwood“, und zwar insbesondere diejenigen, die eben nicht (nur) zur Unterhaltung der Herren dienen, also Jane, Alma und wer auch immer da noch dazukommen sollte. Und auf die (hoffentlich näher thematisierte) Backgroundstory zu Wild Bill Hickok, schließlich muss der Legendenstatus ja irgendwoher rühren.

    Den Doc fand ich auch sehr cool (mag Brad Dourif aber auch sehr gerne), „I’m not impressed“-Dillahunt ebenso und die Nummer mit dem Chinesen und seinen Schweinen hatte auch was. Ansonsten bin ich gespannt, wie sich die ganzen Nebenfiguren noch so machen werden.

    @Ende der Woche: Passt.

  2. tvaddictfromgermany on

    @Als Spielchen
    Willst dus genauer wissen? Ist auch kein Spoiler, also nur grob gesagt, es war der niedriger Preis zwischen Al, Tim Driscoll (dem späteren Mordopfer) und EB Farnum ausgemacht, um den sie Brom Garrett erleichtert. Al weiß, dass Brom genau diese 20 000 zur Verfügung hat und wenn der die jetzt auf einmal ausgibt, muss er die Bank und seine Familie um mehr Geld bitten und Al befürchtet, dass sich dann irgendwelche Autoritäten beginnen für Deadwood zu interessieren. Das will er um jeden Preis verhindern, weil momentan ja keine Gesetze in Deadwood gelten (da es nicht zum US-Staatsgebiet gehört) und so halt Al selber das „Gesetz“ darstellt. Und weil Driscoll sich nicht an ihre Abmachung gehalten hat, hat Al eben kurzen Prozess gemacht. So is‘ er eben, der nette Herr.😉

    @Nonplusultra
    Naja, sowas ist ja immer ganz viel Geschmackssache. Von daher, aber die allgemeine Weisheit ist es, dass auch hier der Zuschauer eher so 3 bis 4 Folgen braucht, um reinzufinden. Mir ging es auch beim ersten Gucken anders, deshalb kann ich das schlecht einschätzen (wobei ich auch den Punkt gesehen habe, an dem die Serie so richtig in Fahrt kam, will ihn nur jetzt noch nicht verrraten).

    @Authenzität
    Das Set ist ja (zumindest von Außen) komplett echt, mit all dem Dreck und Matsch was dazugehört. Einer der Gründe, warum der Spaß so teuer war.😉 Ich weiß nicht, ob du Sepinwalls Text gelesen hat, aber er warnt da auch nochmal explizit die Firguren zu googeln, weil eben fast alle auf echten Personen beruhen (außer den Garretts sind wirklich fast alle Figuren historisch verbürgt, natürlich aber mit künstlerischer Freiheit ausgestattet). Andererseits ist gerade Bill Hickock bei den Amis so eine bekannte Person, dass alle dessen Lebensgeschichte kennen, deshalb ging es Milch da sicher nicht um irgendwelche inhaltlichen Überraschungen. ich würde aber sagen, wenn man nichts weiß ist es noch viel besser. Ich hatte übrigens anfangs auch eher Probleme, mich an Olyphant mit Schurbi zu gewöhnen, Carradine dagegen fand ich ja von Anfang an sehr authentisch, wobei ich den auch sonst nie so bewußt in anderen Rollen wahrgenommen habe.

    @Frauen
    Oh, die werden alle toll. Da sprechen wir dann darüber, wenn es soweit ist.🙂

    @Brad Dourif
    Ich kannte ihn ja vorher nur als Schlangenzunge (und hatte so einen typischen Aha-Moment, als ich die beiden Rollen zusammengepuzzelt habe) aber er ist einfach nur zum Niederknien toll.

  3. moo talaei on

    @“Al weiß, dass Brom genau diese 20 000 zur Verfügung hat und wenn der die jetzt auf einmal ausgibt, muss er die Bank und seine Familie um mehr Geld bitten und Al befürchtet, dass sich dann irgendwelche Autoritäten beginnen für Deadwood zu interessieren.“
    Aaah!💡 Danke für die Info, macht gleich viel mehr Sinn, das Ganze.

    @“allgemeine Weisheit“:
    Bin mir sicher, dass ich da irgendwann schon noch reinfinden und die Begeisterung nachvollziehen werde. Gibt ja wirklich kaum Piloten, die mich sofort begeistert haben, von daher war das jetzt auch keine ernst zu nehmende Kritik an der Folge.😉

    @Googlen:
    Ich werde mich da hüten, großartig was zu googlen. Viel zu gefährlich. Das Einzige, was ich nach dem Piloten nachgeguckt hab, war die Geschichte von Ontario, weil ich irgendwie (falsch) in Erinnerung hatte, dass die Provinz erst seit den 1880ern so heißt, und mich das deswegen etwas stutzig gemacht hat.

    @Carradine:
    Ich hab ihn halt noch aus „Dexter“ und „Damages“ sehr gut in Erinnerung, daher wirken vor allem die langen Haare irgendwie noch etwas affig. Aber wie gesagt, ich glaube bzw. hoffe, das gibt sich bald. Fun fact übrigens, dass er da mit dem zukünftigen Serien-Ehemann seiner RL-Tochter Poker spielt. Ich hatte bis vor fünf Minuten keine Ahnung, dass er Martha Plimptons Vater ist, aber wenn man’s weiß, ist die Ähnlichkeit echt nicht von der Hand zu weisen.

    @Sepinwalls Text:
    Hab ich nur kurz überflogen, dabei aber natürlich dennoch sofort gesehen, dass er offenbar zu der Masse an Leuten gehört, die nicht wissen, dass die Briten damals (zumindest rein was die Aussprache angeht) sehr viel näher am heutigen General American lagen als am heutigen BBC-English. Von daher trägt die Tatsache, dass Al nicht wie ein Brite klingt, eigentlich eher zur Authentizität des Ganzen bei, als das Gegenteil zu bewirken. Da merkt man auch wie subjektiv Authentizität sein kann.😉

    @Brad Dourif:
    „Einer flog über das Kuckucksnest“ hast du aber doch hoffentlich auch gesehen, oder? Ich bin ja, was die großen Filmklassiker angeht, echt ein ziemlicher Banause, aber den kenne ja selbst ich!

  4. tvaddictfromgermany on

    @Carradani
    Wow, dass er der Papa von Martha Plimpton ist, wußte ich ja auch noch nicht. Die Welt (bzw. das Showgeschäft) ist echt klein.🙂 Und ja, wenn mans weiß ist die Ähnlichkeit echt nicht mehr zu leugnen.

    @Einer flog übers Kuckucksnest
    Hab ich gesehen, ist aber schon ewig her und ich hab absolut keine Erinnerung, was für ’ne Rolle Dourif da hatte. Aber selbst wenn ich nachgucken würde, würde mir das glaub ich jetzt nicht viel bringen.😦 Wenn ich nicht eh wüßte, dass ich so gut wie nie Filme schaue, dann würde ich jetzt glatt behaupten, dass ich den unbedingt mal wieder gucken muss.😉


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